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In der Schmiede

Obwohl draußen die Sonne scheint, liegt die Schmiede in Dämmerlicht getaucht. Sie befindet sich im Keller der Freien Waldorfschule Filstal in Göppingen-Faurndau. Vor den leicht trüben Fenstern stapeln sich Holzscheite. Eine Esse dominiert den Raum. Schwarzglänzende Zangen hängen ordentlich aufgereiht an einer Stange rund um die Feuerstelle. Eine mächtige Vorrichtung aus Edelstahl dient dem nötigen Rauchabzug. Ambosse in verschiedenen Größen stehen bereit. Über der Tür hängt ein verziertes Schild. „Das Eisen“ steht in Schnörkelschrift darauf.

Bei sich selbst ankommen

„Durch den Umgang mit Eisen kommt der Mensch in Einklang mit sich selbst“, erklärt Ulrich Rein und lacht. „Das gilt sogar für pubertierende Neuntklässler.“ Der 63-Jährige muss es wissen. Seit 35 Jahren unterrichtet er die Waldorfschüler im Schmieden. „Mir gefällt, dass ich pädagogische Impulse vermitteln kann, ohne viel reden zu müssen, ohne theoretisch oder belehrend zu wirken.“ Wer zum Beispiel nicht den richtigen Stand einnehme, spüre das beim Hämmern sofort. Wer unaufmerksam arbeite, sich nicht konzentriere, sehe das später am Ergebnis. „Die Schüler gehen anders raus, als sie hereinkamen“, weiß Rein aus Erfahrung.

Doch wir sind heute nicht wegen einer Unterrichtsstunde hier. Vielmehr begleiten wir die Kollegen der WALA Grundlagenforschung zum so genannten Eisenhammerschlag. Mit Unterstützung von Ulrich Rein stellen Beatrix Waldburger, Martin Rozumek und Praktikantin Katharina Braun feine Späne aus Eisen her, die später zu WALA Arzneimitteln verarbeitet werden.

Religiöse Bezüge

Aus einer Schütte unter der Esse schaufelt Ulrich Rein Koks auf den Feuertisch. Der stark kohlenstoffhaltige Brennstoff wird aus Kohle gewonnen und häufig in der Eisenproduktion verwendet. Noch einige Holzspäne draufgegeben – und schon lodert ein munteres Feuer. „Es kann bis zu 3.000 Grad heiß werden“, erklärt der Schmied. Das Wort „Esse“ leitet sich übrigens aus dem althochdeutschen Begriff „essa“ ab und bedeutet „Herd des Metallarbeiters“. Interessant ist, dass viele Begriffe des Schmiedehandwerks einen religiösen Bezug haben. Ein geschlossenes Feuer etwa wird als „Dom“ bezeichnet. Und die innere, weiche Faser, die nach der Walzhaut eines Metallstückes kommt, nennt man „Seele“. Ulrich Rein erklärt sich das so: „Vielleicht hat es damit zu tun, dass das Schmieden eine Philosophie für sich ist, eine höhere Art des Denkens. Metalle sind eben keine Erdenstoffe.“

Schwere Zangen hängen ordentlich aufgereiht an einer Stange rund um die Feuerstelle.

Rhythmisch hämmern, dabei gleichmäßig die Eisenstange drehen und anschließend wieder ab mit ihr ins Feuer.

Feine Plättchen aus „Eisenhammerschlag“ sind das Ergebnis des Schmiedens.

Das antik anmutende Schild mit dem kunstvollen Schriftzug schmückt die Wand in der Schmiede.

Für 150 Gramm Eisenspäne braucht das Team einen Nachmittag lang Zeit.

Seit 35 Jahren unterrichtet Ulrich Rein seine Schüler im Schmieden. Fotos: WALA Heilmittel GmbH/Jigal Fichtner

Hammer und Amboss

Doch nun geht es ganz pragmatisch weiter. Eine Stange reinen Eisens befindet sich bereits im Feuer. Beatrix Waldburger befreit den Amboss von Metallresten und desinfiziert ihn. Dann setzen sie und ihre Kollegen Schutzbrillen auf und binden sich Lederschürzen um. Sobald das Eisen die richtige Temperatur erreicht hat, geht es los: Einer hält die glühende Stange auf dem Amboss fest und dreht sie dabei vorsichtig. Die beiden anderen schlagen abwechselnd mit schweren Hämmern rhythmisch auf die heiße Stelle. Mit jedem Schlag fallen feine Späne auf den Amboss. Unsere Ohren klingeln, dass Trommelfell vibriert, wenn Eisen auf Eisen triff. Nach jedem Durchgang kommt die Stange zurück ins Feuer. Allerdings nicht zu lange, damit sie nicht zu brennen beginnt. Peu à peu füllt sich ein steriles Schraubglas mit hauchdünnen, silbergrauen Eisenspänen. Beatrix Waldburger schabt sie vorsichtig hinein: „Insgesamt brauchen wir etwa 100 bis 150 Gramm“, erläutert sie.

Die Schläge hallen glockenklangartig durch die Flure der Schule. „Was macht ihr denn da, Uli?“, fragt der – vom Hammerkonzert in die Schmiede gelockte – Sportlehrer interessiert. Offensichtlich ist das Schmieden nicht nur eine Möglichkeit, mit sich selbst in Einklang zu kommen. Es besitzt auch eine gesellige Komponente. Jedenfalls erhält der WALA Eisenhammerschlag den ganzen Nachmittag über immer wieder Besuch von Lehrern und Schülern, die schauen wollen, „was hier los ist“.

Eisen in der Medizin

Im Gegensatz zur weicheren Bronze ist Eisen ein starkes, kräftiges Metall. Es ist – nach Sauerstoff, Silizium und Aluminium – das vierthäufigste in der Erdkruste vorkommende Element und nach Aluminium das häufigste Metall. Es spielt in der Geschichte der Menschheit eine entscheidende Rolle – etwa als Material für Schmuck, Waffen oder Werkzeuge und zur Herstellung von Stahl. Noch heute zeugen gängige Sinnsprüche im allgemeinen Sprachgebrauch, wie eng Eisen mit uns Menschen verknüpft ist. So bezeichnet man beispielsweise ein heikles Thema als „heißes Eisen“. Der Volksmund rät: „Schmiede das Eisen solange es heiß ist!“ Und jemand, der sich nicht festlegen will, hat die berühmten „zwei Eisen im Feuer“.

Eisen hat aber auch einen Effekt auf die menschliche Gesundheit: „Seit Urzeiten wird Eisen medizinisch verwendet, zum Ausgleich von Eisenmangel nach Blutverlust, zur Kräftigung bei allen möglichen Erschöpfungszuständen, zur Beeinflussung von verschiedenen akuten Erkrankungen und Zuständen wie Lungenentzündungen, Gallenkoliken, Schmerzen, Blutungen und hohem Fieber. In der Anthroposophischen Medizin ist Eisen eines der wichtigsten Arzneimittel überhaupt und wird in reiner Form sowie in einer ganzen Reihe unterschiedlichster Verbindungen, Zubereitungsarten und äußerlichen wie innerlichen Applikationsformen eingesetzt.“1

Das Schraubglas ist mittlerweile voll. Das Team der WALA Grundlagenforschung hat für heute genug Späne geschmiedet und verabschiedet sich von Ulrich Rein. Im Unternehmen entstehen aus dem selbst hergestellten Rohstoff Arzneimittel, die unter anderem gegen Blutarmut und zur Anregung des Eisenstoffwechsels eingesetzt werden.

1 Frank Meyer. Das Geheimnis der Metalle. 2012 Frankfurt am Main: Info3-Verlag. S. 48

Dieser Artikel wurde erstmals in der viaWALA Dezember 2016  veröffentlicht.