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Anders als gedacht

Nach dem Waschen trocknen wir uns die Hände ab. So weit, so unspektakulär. Interessant wird es erst bei der Frage nach dem Wie – denn die Wahl der Methode entscheidet, wie sehr wir beim Abtrocknen die Umwelt belasten. Foto: siam.pukkato/Shutterstock

„16.900 Kilometer Papierhandtuch pro Jahr werden in den städtischen Einrichtungen in Stuttgart jährlich verbraucht“, schrieb die Stuttgarter Zeitung im März 2019 auf ihrer Website. Und: „Legt man die Tücher hintereinander, reicht das Papierband von Stuttgart nach Sydney.“1 Erstaunliche Zahlen, die erahnen lassen, welch erheblichen Umwelteinfluss allein die Methode des Händetrocknens hat. Eine solche Hochrechnung verleitet möglicherweise auch zu dem Schluss, dass es weitaus umweltfreundlicher sei, diesen Berg an Papiermüll durch den Umstieg auf andere Systeme, etwa Baumwollrollen oder elektrische Warmlufttrockner, gänzlich zu vermeiden. Doch so einfach ist es leider nicht.

Auf Umweltfragen gibt es keine simplen Antworten

Ernstgemeinter Umweltschutz und die ehrliche Bemühung, Stück für Stück nachhaltiger zu werden oder zu bleiben, sind für die WALA kein schickes Aushängeschild und keine kurzfristige Maßnahme zur Imageverbesserung. Vielmehr stellen sie seit jeher einen integralen Bestandteil der Unternehmensphilosophie dar – und sind eine tägliche Selbstverständlichkeit. Wer sich so lange und vergleichsweise tiefgehend mit Umweltthemen befasst wie wir, der erkennt, dass es auf bestimmte ökologische Fragen keine simplen Antworten gibt. Manche Maßnahmen, die auf den ersten Blick umweltfreundlich scheinen, sind es bei genauerer Betrachtung unter Umständen gar nicht. Es bedarf intensiver Recherche und der Betrachtung aller relevanten Faktoren, um ihre tatsächlichen Umweltauswirkungen zumindest annähernd beurteilen zu können. Wie eben die Frage nach der umweltfreundlichsten Methode, sich die Hände abzutrocknen.

Jede Methode hat individuelle Vor- und Nachteile

Die WALA Heilmittel GmbH beschäftigt aktuell über 1.000 Mitarbeiter. Jeder von ihnen wäscht sich täglich im Unternehmen die Hände. Unser imaginäres Papierband reicht zwar nicht bis Sydney. Doch die Umweltauswirkungen des WALA Jahresverbrauchs von rund 1.000 Kartons Recyclingpapier waren für ein betriebliches Projektteam Grund genug, der Sache nachzugehen. Die Projektgruppe untersuchte fünf grundsätzlich verschiedene Systeme: Händetrocknung mit Luftstrom („Jetstream“), Recyclingpapier, Frischfaserpapier, Baumwolle (Baumwollrollen-Handtuchspender) und Warmluft. Bei der Bewertung der einzelnen Methoden flossen Erkenntnisse aus Studien des Umweltbundesamtes und der Universität Bradford sowie betriebseigene Erhebungen ein. Das Team erfasste akribisch die Vor- und Nachteile der jeweiligen Methode, unter anderem den damit verbundenen Aufwand für Beschaffung, Reinigung, Instandhaltung sowie Entsorgung bzw. die jeweils anfallende Müllmenge. Aber auch Strom- und Ressourcenverbrauch, Einkaufspreise und Gesamtkosten aufs Jahr gerechnet sowie das jeweilige Treibhausgaspotenzial spielten eine Rolle. Die hygienischen Ergebnisse waren ebenfalls relevant – muss die WALA als Pharmaunternehmen doch in allen Produktionsbereichen den entsprechenden GMP2 -Vorschriften genügen.

Ein K.-o.-Kriterium kann alles ändern

Unter Berücksichtigung aller Faktoren ergab sich folgende (absteigende) Rangfolge, bezogen auf die Umweltfreundlichkeit der einzelnen Methoden:

  1. Kaltluftstrom (Jetstream)
  2. Recyclingpapier
  3. Frischfaserpapier
  4. Baumwolle/Warmluft (beide Methoden gleichauf)

Sich die Hände unter einem kalten Luftstrom zu trocknen ist also umweltfreundlicher, als Tücher aus Recyclingpapier zu benutzen. Letztere sind allerdings wiederum deutlich besser als ihre Kollegen aus Frischfasern. Und diese immerhin ökologisch verträglicher als Baumwollrollen, die hernach gewaschen werden müssen, und als Warmlufttrockner, die viel Energie verbrauchen.

Die Wahl für die WALA wäre anhand dieser Hierarchie eigentlich eindeutig gewesen – hätte nicht ein weiterer Faktor die vorliegende Rangfolge nochmal nachhaltig verändert: die Frage nach dem beim Umstieg anfallenden Müll. Dieser Faktor hat zwar im Grunde nichts mit der eigentlichen Methode der Händetrocknung zu tun, sorgte aber dennoch, in seiner Eigenschaft als K.-o.-Kriterium, für ein anderes Ergebnis. In den WALA Gebäuden hängen – teilweise bereits seit Jahrzehnten – zu hunderten fest installierte Papierhandtuchspender. Diese abzumontieren und zu entsorgen hätte mehrere Tonnen Abfall verursacht, der einen Umstieg auf mit Luftstrom arbeitende Geräte nicht nur unwirtschaftlich, sondern ökologisch betrachtet auch weniger sinnvoll macht. Und deshalb verwenden wir für unsere Hände nach wie vor Tücher aus Recyclingpapier.

Manchmal kann also auch die zweitbeste Möglichkeit die Lösung der Wahl sein. Wichtig ist unserer Meinung nach, dass wir als Gesellschaft den Aufwand nicht scheuen, bei Umweltthemen auch in Zukunft ganz genau hinzuschauen, und nicht etwa auf ein diffuses Bauchgefühl vertrauen.

1https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.staedtische-einrichtungen-in-stuttgart-so-hoch-ist-der-verbrauch-an-papierhandtuecher-jaehrlich.cf30c81a-a235-4c5e-a4ac-beff3252b125.html

2GMP ist die Abkürzung für den englischen Ausdruck „Good Manufacturing Practice“, zu Deutsch „Gute Herstellungspraxis“. Dieses Regelwerk vereint Richtlinien zur Qualitätssicherung von Produktionsabläufen und umgebung in der Arzneimittel- und Kosmetikherstellung.