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In welcher Zukunft wollen wir leben?

Thomas Jorberg (Jahrgang 1957) ist Diplom-Ökonom und Vorstandssprecher der GLS Bank. Er lebt mit seiner Familie in Bochum.
Foto: Stephanie Schweigert

Die GLS Bank wirbt mit dem Slogan: „Geld ist für die Menschen da.“ Was bedeutet das für Sie?

Thomas Jorberg:

Der Sinn jeder unternehmerischen Tätigkeit kann nur darin bestehen, menschliche Bedürfnisse zu decken. Geld ist ein Gesellschaftsgestaltungsmittel und übernimmt dabei lediglich eine Hilfsfunktion. Es ist ein Werkzeug, aber nicht der Zweck selbst.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit?

Thomas Jorberg:

Nehmen wir Papier als Beispiel. Der Mensch hat einen Bedarf, ein Bedürfnis nach Papier. Aus unserer Sicht sollte er bei dessen Befriedigung darauf achten, auf welche Weise es hergestellt wurde und wie es nach Gebrauch entsorgt wird. Die Befriedigung von Bedürfnissen darf also nicht einseitig erfolgen, sonst beuten wir uns selbst und die Natur aus. Es ist die Aufgabe der Wirtschaft, alles im Gleichgewicht zu halten. Wer unbewusst oder rein renditegetrieben handelt, gestaltet die Gesellschaft auf eine ganz bestimmte, nicht gerade vorteilhafte Weise. Hier in unseren Breiten leben wir im Wohlstand, im Überangebot. Wir könnten gut und gerne etwas abgeben. Und trotzdem kommen weder Geld noch Waren dorthin, wo Not und Knappheit herrschen.

Ein Verteilungsproblem ...

Thomas Jorberg:

Ja, so kann man es formulieren. Wir brauchen also neue Ideen, neue Rahmenbedingungen. Die zentrale Frage dabei ist: Wie wollen wir eigentlich in Zukunft leben? Welche Visionen haben wir?

Wilhelm Ernst Barkhoff, Mitinitiator der GLS Bank, sagte einst: „Die Angst vor einer Zukunft, die wir fürchten, können wir nur überwinden durch Bilder einer Zukunft, die wir wollen.“

Thomas Jorberg:

Ein sehr aussagekräftiges Zitat und insofern interessant, als die Angst vor der Zukunft etwas Grundmenschliches zu sein scheint.

Blick auf den malerischen grünen Hinterhof des GLS-Bank-Hauptsitzes in Bochum.
Foto: Stephanie Schweigert

Glauben Sie, dass werteorientiertes Wirtschaften zukunftsweisend ist?

Thomas Jorberg:

Wir Menschen haben definitiv Werte. Es ist nur manchmal schwierig, sie im Alltag umzusetzen. Was wir brauchen, sind einerseits gute Beispiele – Unternehmen, die sich bemühen, anders zu handeln und ihre Kunden dabei miteinzubeziehen. Andererseits benötigen wir den mündigen Bürger, der sich darüber bewusst ist, dass er entscheiden kann, wie er in Zukunft leben will. Ja, er kann nicht nur, er muss sogar wählen, welche Werte ihm letztlich am Herzen liegen. Sehen Sie, für grundlegende Veränderungen gab es in der Geschichte der Menschheit seit jeher nur zwei Treiber: Not oder Einsicht. Manchmal frage ich mich: Wie viel Not werden wir denn noch brauchen, um der eigentlich vorhandenen Einsicht zum Durchbruch zu verhelfen? Ökonomie – also Wirtschaftlichkeit – heißt, ein bestimmtes Ziel mit den geringstmöglichen Mitteln zu erreichen. Wenn wir kein Ziel mehr haben, führen wir die Ökonomie ad absurdum. Dann gerät Wirtschaft zum Selbstzweck, was sie definitiv nicht ist und auch nicht sein soll.

Die GLS Bank diskutiert über einen „Grundbeitrag“, den die Kunden bezahlen sollen, um der Zinskrise zu begegnen. Sind in diesem Fall die Menschen für das Geld bzw. die Bank da?

Thomas Jorberg:

Nein, dieses Prinzip ist niemals umzudrehen! Die Grundfrage ist vielmehr, wie wir mit Geld unsere Gesellschaft stärken können. Aus dieser Überlegung heraus diskutieren wir den GLS-Beitrag mit unseren Kunden.

Weshalb sind Sie Banker geworden?

Thomas Jorberg (lacht):

Weil es eine tolle Sache ist! Ich erfahre jeden Tag so viel Neues über unterschiedliche Lebensfelder – zum Beispiel, wie Kindergärten sich entwickeln, wie es mit den regenerativen Energien weitergeht, was in Naturkostgeschäften passiert. Wir bei der GLS Bank haben es ausschließlich mit Menschen zu tun, die etwas anders machen, die unsere Zukunft wirklich positiv gestalten wollen. Und dafür tätig sein zu dürfen, motiviert mich unglaublich.