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Wir sind Zeitraum

Dr. Johannes Stellmann ist Geschäftsführer der WALA Heilmittel GmbH.

Seit 1967 lebt Dr. Hauschka eine besondere Kosmetikkultur. Was gehört für Sie dazu, Herr Dr. Stellmann?

Johannes Stellmann:

Das beginnt bei der Art, wie wir unsere Produkte entwickeln und herstellen, das geht weiter mit unserem Pflegeritual. Aber auch der gesamte Impuls unseres Unternehmens, unser Ursprung und unser Umgang mit Ressourcen sind kultureller Natur. Der Leitgedanke ist dabei für mich 'Anders von Anfang an'.

Anders von Anfang an? Was war so anders zu Beginn der Dr. Hauschka Kosmetik?

Johannes Stellmann:

Schauen Sie, allein wie Elisabeth Sigmund gearbeitet hat: Im Prinzip hatte sie Anfang der 1930er-Jahre begonnen, ihre eigene Naturkosmetik zu entwickeln. Und dann ist diese Kosmetik 1967 in Zusammenarbeit mit uns auf den Markt gekommen. Wenn man genau drauf schaut, entwickelte sie mehr als 35 Jahre lang diese Produkte, bevor sie in die Läden kamen. Sie hatte sich ganz viel Zeit gelassen. Dieser Prozess war schon völlig anders als alles andere. Dann unser Ursprung. Die Gründung der WALA entstand eigentlich aus einer Wohltätigkeitsfrage heraus, als Dr. Rudolf Hauschka von Dr. Ita Wegman, der Mitbegründerin der Anthroposophischen Medizin, den Auftrag bekam, Arzneimittel ohne Alkohol zu entwickeln. Arzneimittel ohne Alkohol für die Kinder, für die Alten, für die Schwerkranken. Daraus sind die alkoholfreien WALA Arzneimittel entstanden. Daran sieht man, dass wir eigentlich ein Kulturbetrieb sind. Wir haben ein ökonomisches Kleid, aber unser Impuls ist für mich ganz klar ein kultureller. Und das kann ich bis in die Finanzen hinein zeigen, dass wir heute noch ein hybrides Unternehmen sind.

Die WALA ein hybrides Unternehmen? Können Sie den Begriff erklären?

Johannes Stellmann:

„Hybrid“ heißt, ich habe in meinem wirtschaftlichen Rahmen mittendrin einen großen gemeinnützigen Anteil. Was uns interessiert, ist, eine Wirtschaftsform zu finden, die schon in der Entstehung des Wertes soziale Verantwortung übernimmt. Und da denken wir eben auch von Anfang an anders. Denn wir sehen die Entstehung eines Produktes und dann dessen Verwendung in einem anderen kulturellen Bogen. Diese Gemeinnützigkeit, die andere oft biografisch an das Ende ihres Lebens packen, die packen wir in die Gegenwart, in den Alltag.

Sie sagen, die WALA sei ein Kulturbetrieb. Das klingt überraschend, weil sie ja Hersteller von Arzneimitteln und Naturkosmetik ist. Was macht die WALA zum Kulturbetrieb?

Johannes Stellmann:

Die Kultur macht vom Grundverständnis aus, dass wir uns nicht so sehr als „die Macher“ sehen, weder medizinisch noch kosmetologisch, sondern eher als die Ermöglicher. Wir unterstützen eine Heilung und ein Gedeihen. Mit den WALA Arzneimitteln substituieren wir nicht, wir unterdrücken nicht, sondern wir unterstützen das Immunsystem. Und mit der Dr. Hauschka Kosmetik ist es ähnlich. Wir unterstützen die Haut so, dass sie wieder zu einem normalen Hautbild zurückfindet. Und damit bilden wir sie eigentlich aus. So gesehen sind wir auf der Produktebene ein Ausbildungsinstitut. Das äußert sich aber nicht in einer Dienstleistung, sondern der Ausbilder ist ein Produkt, und das finde ich genial. Wir sind ganz prozessorientiert. Und wir sind nicht Punkt, wir sind nicht die Zeitpunktmenschen mit schnellen Effektcremes, sondern wir sind Zeitraum. Unser Unternehmen lebt vom Zeitraum, zum Beispiel in schrittweisen Pflegeritualen, für die ich mir Zeit nehme, in Herstellungsprozessen, die Zeit zum Reifen lassen. Das hat für mich eine kulturelle Dimension.

Von Ihnen stammt die Aussage, Dr. Hauschka entwickle nicht für Märkte, sondern für Menschen. Können Sie das erläutern?

Johannes Stellmann:

Nehmen Sie zum Beispiel unsere Rosen Tagescreme. Sie gehört von Anfang an, seit 1967, zu unseren Produkten. Sie hat nicht per se eine Existenzberechtigung in alle Ewigkeit. Aber im Moment sehe ich keinen Grund, wieso es keine Rosen Tagescreme mehr geben sollte. Und ich würde sie auch nicht nach einer der sonst üblichen Produktlebenszyklustheorien nach zehn Jahren aus dem Sortiment nehmen. Das ist bei uns nicht so, weil sie ein Klassiker ist. Und warum ist es so? Weil wir eben nicht für Märkte entwickelt haben, sondern für Menschen. Die Frage von Frau Sigmund war, was die Menschen brauchen. Sie hat nie gefragt, wo ist ein Markt, sondern sie hat immer gefragt, was braucht die Haut des Individuums. Das ist ein vollkommen anderer Ansatz. Es geht um Bedürfnisse. Das leitet uns heute noch. Unser Ausgangspunkt ist die Frage, was der Mensch braucht – nicht, wo ein Markt ist, den ich vielleicht noch besetzen kann. Da stecken wir lieber das Geld in die Produktentwicklung, in den Herstellungsprozess und in hochqualitative Rohstoffe.

Dass Sie überhaupt diese Freiheit haben, das Geld in dieses oder jenes zu investieren, verdanken Sie der WALA Stiftung. Welche Funktion hat diese Stiftung?

Johannes Stellmann:

Die WALA Stiftung ist die alleinige Besitzerin der WALA Heilmittel GmbH. Durch die Stiftung haben wir den großen Vorteil, dass weder durch Privatinteressen noch durch Erben Kapital aus dem Unternehmen herausgezogen werden kann. Ansonsten haben wir es aber viel schwerer als jedes andere Unternehmen. Denn wir können nicht Eigenkapital von außen beziehen. Wir können also nicht sagen, lieber Investor, komm doch mal zu uns und bringe ein paar Hundert Millionen Euro mit. Das fällt alles weg. Wir arbeiten ohne Sicherungsnetz.

Das erwirtschaftete Geld setzen Sie dabei auf besondere Weise ein und sagen, dass es für Sie ein Gestaltungsmittel ist. Können Sie das erläutern?

Johannes Stellmann:

Das Erste ist, dass wir Geld als Integralbestandteil sämtlicher Aktivitäten sehen und nicht erst auf der Gewinnseite. Wir fragen uns von Anfang an in der Wertschöpfungskette, wie wir die Verantwortung wahrnehmen können, die wir haben. Wenn ich zum Beispiel einen Pulli aus dem Regal nehme und kaufe, löse ich de facto einen Herstellungsauftrag aus für den neuen Pulli, der wieder ins Regal kommen wird. Und deshalb kann ich mich nicht aus der Verantwortung stehlen für das, was in der Herstellungskette passiert. Bis vor zehn Jahren konnte ich sagen, ich weiß davon nichts. Aber heute im digitalen Zeitalter bin ich in der Lage, über die Herstellungswege Bescheid zu wissen. Wenn ich diese Verantwortung ernst nehme und das auf uns hier in der WALA übertrage, dann muss ich von der Wertschöpfungskette nach vorne zum Produkt denken. Das heißt, ich muss darauf achten, wie die Rohstoffe entstehen, die ich kaufe. Anschließend muss ich schauen, wie entsteht das Produkt eigentlich hier bei uns? Wenn ich gut gearbeitet habe, erziele ich hoffentlich einen Gewinn. Und dann ist die Frage, wie ich den Gewinn einsetze. In unserem Fall müssen wir keine Eigentümer bedienen, das ist schon mal ein Riesenvorteil. Deshalb kann ich zum Beispiel neue Partnerschaften für Bio-Rohstoffe ermöglichen, die sonst vielleicht gar nicht entstehen würden. Das war mit Sheabutter aus Burkina Faso so, mit Rizinusöl und Mangobutter aus Indien und mit ätherischem Rosenöl aus Äthiopien. Oder ich ermögliche, dass Partner von uns völlig eigenständig werden können. Am Anfang sind Projektpartner oft zu 100 Prozent von uns abhängig. Dass sie möglichst in den nächsten Jahren unabhängig werden, ist uns ein großes Anliegen.

Das klingt, als wäre das Geld, das Sie in Projekte stecken, wie ein Same, der sich vervielfältigt, wenn er aufgeht.

Johannes Stellmann:

Absolut. Und da können wir gleich beim Bild des Sämanns bleiben, der auch akzeptieren muss, dass nicht jeder Same aufgeht. Das ist bei uns genauso. Natürlich verschwenden wir so gesehen Geld. Aber hinterher sind wir klüger, als wir es vorher waren. Wenn ich etwas beginne, sage ich auch 'ja' zum Scheitern. Ich werde mich nicht weiterentwickeln, wenn ich mich nicht auch täusche. In der Erneuerung gehört der Fehler dazu. Deswegen spreche ich da immer vom Fehlerkompost. Ein Beispiel ist unser neues Dr. Hauschka Make-up, das Anfang 2017 auf den Markt gekommen ist. Wir haben 2011 mit der Neuentwicklung angefangen. Wir haben 99 Prozent für die Tonne gearbeitet. Aber wenn wir das nicht gemacht hätten, dann hätten wir etwas mainstreamiges Schwarzes, Rechteckiges, Rundes entwickelt. Aber wir wären wohl nie auf das Gleichdick als Form für die Puderdosen und wahrscheinlich nie auf Purpur statt Schwarz als Farbe für die Verpackung gekommen.

Was ist Ihre Vision für Dr. Hauschka-Kosmetik? Wohin geht es in der Zukunft?

Johannes Stellmann:

Der Gedanke 'Anders von Anfang an' ist einer der Leitsterne auch in die Zukunft. Wir stellen uns den eigenen und all den gesetzlichen Anforderungen an die Produktqualität und -sicherheit unserer Produkte. Aber wir sagen immer, dass wir dabei versuchen, unseren eigenen Weg zu gehen. Der innere Anspruch, dass wir es nicht so machen, wie andere, der ist für mich handlungsleitend. Das lebt vom Mut. Und passt gut zu unserer zentralen Idee, lernend zu arbeiten, arbeitend zu lernen. Damit ist der Fehler, das Scheitern, der Irrtum mit eingebaut. Sonst kann ich nicht lernen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!