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Am liebsten intensiv rot: Johanniskrautöl

Viele kennen das Johanniskrautöl, das wegen seiner charakteristischen Farbe auch unter der Bezeichnung Rotöl zu finden ist. Zahlreiche Hersteller bieten das Öl an, das bei Nervenschmerzen, Rheuma, Hexenschuss und Verstauchungen Einsatz findet. Mit seinen beruhigenden, schmerzlindernden und wundheilenden Eigenschaften hilft es nicht nur bei Schrunden und Reizungen der Haut, die mit Rötungen einhergehen, sondern auch bei leichten Verbrennungen.

Rotöl lässt sich recht einfach selber herstellen. Sie benötigen dafür ein pflanzliches Öl, zum Beispiel Oliven- oder Erdnussöl, und frisches Johanniskraut (Hypericum perforatum). Das finden Sie im Juni üppig gelb blühend an Wegrändern, am häufigsten in der vollen Sonne. Traditionell wird das zerkleinerte blühende Johanniskraut im Pflanzenöl für vier Wochen in transparenten Glasbehältern dem Sonnenlicht ausgesetzt. In dieser Zeit gehen die Inhaltsstoffe des Johanniskrauts in das Öl über und der zunächst grüngelb wirkende Ansatz wird rot. Nach dem Abpressen der Pflanzenteile ist das Rotöl fertig.

Wie lässt sich die Qualität des Rotöls bestimmen?

Diese Frage stellte sich die WALA, die Rotöl in WALA Arzneimitteln und Dr. Hauschka Kosmetik verarbeitet. Miriam Heinrich, damals Doktorandin in der Phytochemischen Forschung der WALA, promovierte über das Thema. Sie führte die Untersuchungen zusammen mit ihren WALA Kollegen durch. Prof. Dr. Rolf Daniels vom Pharmazeutischen Institut an der Eberhard Karls Universität Tübingen begleitete ihre Promotion wissenschaftlich.1

Zuerst musste das Team eine Methode entwickeln, mit der sich die Qualität des Rotöls zuverlässig und, wie es wissenschaftlich heißt, reproduzierbar ermitteln lässt. Mithilfe der UHPLC-Technik bestimmten die Forscher die wesentlichen Inhaltsstoffe des Rotöls. UHPLC steht für Ultra High Performance Liquid Chromatography, auf Deutsch Ultrahochleistungsflüssigkeitschromatografie. Mit der UHPLC lassen sich die Inhaltsstoffe von Flüssigkeiten auftrennen und sehr genau quantifizieren, also in der Menge bestimmen. Mit spektrophotometrischen Messungen charakterisierte die Forschergruppe zudem den Rotton und die Farbintensität des Johanniskrautöls. Ein Spektrophotometer misst, wie viel Licht durch eine Flüssigkeit durchtritt beziehungsweise welcher spektrale Anteil des Lichts von der Flüssigkeit absorbiert wird.

Mithilfe der Auftrennung per UHPLC konnten die Forscher im frischen Pflanzenmaterial bis zu 25 unterschiedliche Inhaltsstoffe identifizieren. Bei der traditionellen Herstellung von Rotöl gehen diese Stoffe, die zu den sekundären Pflanzenstoffen gehören, in unterschiedlichen Mengen in den Ölextrakt über. Unter ihnen waren antioxidativ wirkende Flavonoide und weitere phenolische Verbindungen wie zum Beispiel solche, die dem Hypericin ähnlich sind. Letztere sind ausschlaggebend für die rote Farbe und sollen die antidepressive Wirkung von Johanniskraut ausmachen. Je höher die Mengen dieser Inhaltsstoffe, desto höher die Qualität des Rotöls.

Lassen sich die Qualität und der rote Farbton des Rotöls optimieren?

Im zweiten Schritt untersuchte die Forschergruppe die Herstellungsmethode von Rotöl und fand, dass die Temperatur- und Lichtverhältnisse, unter denen der Ölauszug vier Wochen lang reift, einen starken Einfluss auf die Qualität des Rotöls haben.1 Zudem ist die Art des Pflanzenöls entscheidend für das Resultat, wie das Team in einer Folgeuntersuchung nachwies.2 Zum Einsatz für den Auszug kamen Erdnuss-, Soja-, Mandel-, Sonnenblumen-, Maiskeim-, Macadamia-, Oliven-, Jojoba- und Sesamöl. Der Farbton und die Inhaltsstoffe variierten abhängig vom verwendeten Öl. Mithilfe dieser Forschungsergebnisse kann die Rotöl-Herstellung künftig optimiert werden.

Geheimnisvolles Rot

Etwas Außergewöhnliches fanden die Forscher. Nicht Hypericin war im Ölauszug nachweisbar, sondern Derivate, also ähnliche, davon abgeleitete Moleküle. Die genaue Charakterisierung dieser Derivate gelang allerdings nicht und damit auch nicht die Antwort darauf, welches Stoffgemisch letztlich die rote Farbe ausmacht. Bis heute bewahrt das Johanniskraut dieses Geheimnis für sich.

1 Heinrich M, Daniels R, Stintzing FC, Kammerer DR. Comprehensive phytochemical characterization of St. John’s wort (Hypericum perforatum L.) oil macerates obtained by different extraction protocols via analytical tools applicable in routine control. Pharmazie 2017; 72: 131–138.

2 Heinrich M, Vikuk V, Daniels R, Stintzing FC, Kammerer DR. Characterization of Hypericum perforatum L. (St. John’s wort) macerates prepared with different fatty oils upon processing and storage. Phytochemistry Letters 2017; 20: 470–480.