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Menschengemäße Medizin

Die Havelhöhe liegt vor den Toren Berlins auf einem 18 Hektar großen Parkgelände. Das Grundstück lädt zu jeder Jahreszeit zu einem Spaziergang im Grünen ein. Foto: Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe

Die Fahrt geht ins Grüne. Etwa eine halbe Stunde dauert es mit dem Bus vom Bahnhof Berlin-Spandau bis zur Havelhöhe. Nach und nach treten die Häuserreihen zurück, die Bäume werden zahlreicher. Irgendwann blitzt vor unseren Augen die Havel auf. Großzügig auf dem großen Gelände verteilt liegen die verschiedenen Gebäude des Gemeinschaftskrankenhauses. Fußwege laden zu einem Spaziergang zwischen Wiesen und Bäumen ein. Und doch ist die denkmalgeschützte Anlage keine exklusive Privatklinik, sondern ein Akutkrankenhaus, regulär eingebunden in die örtliche Versorgung Berlins. Die frühere „Reichsluftfahrtakademie“ am Kladower Damm wurde in den Nachkriegsjahren als Heilstätte für Tuberkulosepatienten genutzt, später als städtisches Krankenhaus. 1995 übernahm ein anthroposophischer Träger das von der Schließung bedrohte Gebäude.

Die Anthroposophische Medizin genießt bei vielen Patienten einen guten Ruf. Sie schätzen die Expertise ihrer anthroposophischen Hausärztin oder ihres Kinderarztes. Dass es auch anthroposophische Akutkliniken wie das Krankenhaus Havelhöhe gibt, ist vielen weniger bekannt. Ob Geburtshilfe oder Onkologie, Schmerztherapie oder Entgiftung bei Alkohol- und Arzneimittelmissbrauch – die Havelhöhe deckt das übliche Spektrum der modernen Akutmedizin ab.

Krankheit ist keine Betriebspanne

Die ganzheitliche Herangehensweise zeigt sich dennoch in allen Bereichen, in der Diagnostik ebenso wie in der Arzt-Patienten-Beziehung oder in den therapeutischen Möglichkeiten. „Wir betrachten den Menschen als ein Wesen, das auf Entwicklung angelegt ist“, unterstreicht Dr. med. Matthias Girke, Facharzt für Innere Medizin und Mitbegründer der Klinik. „Bei einem solchen Menschenbild ist Krankheit keine Betriebspanne. Entscheidend ist vielmehr, dass der Mensch durch die Krankheit ein anderer wird. Dass die Krankheit ein Woher und auch ein Wohin hat und dabei der Entwicklungsgedanke eine zentrale Rolle spielt.“

Der krankenhaustypischen Technologie stehen in der Havelhöhe ganz unterschiedliche sinnliche Erfahrungsräume entgegen. Musiktherapie etwa nutzt die vielfältige physiologische Wirkung der Musik – sie kann die Patienten einerseits beleben oder ihnen andererseits zu mehr Ruhe und Gelassenheit verhelfen. Kunsttherapie oder Heileurythmie, Sprachtherapie oder Organeinreibungen sind weitere Beispiele für das breite Therapieangebot. In regelmäßigen Therapiebesprechungen tauschen sich die Kolleginnen und Kollegen aus: Welche Ressourcen hat der Patient, die Patientin? Wo kann man sinnvoll ansetzen?

Dr. med. Matthias Girke ist Mitbegründer des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe und ehemaliger Leiter der Abteilung für Allgemein Innere Medizin und Palliativmedizin.

Fortschrittliche und leistungsfähige Medizin verbindet sich auf der Havelhöhe mit Behandlungsformen, die auf die besondere Lebenssituation der Patienten eingehen und dabei auch das Geistig-Seelische berücksichtigen.

PD Dr. med. Harald Matthes ist ärztlicher Leiter und leitender Arzt der Abteilung Gastroenterologie am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe.

Fortschrittliche und leistungsfähige Medizin verbindet sich auf der Havelhöhe mit Behandlungsformen, die auf die besondere Lebenssituation der Patienten eingehen und dabei auch das Geistig-Seelische berücksichtigen. Foto: Stephanie Schweigert

Körper, Seele und Geist agieren miteinander

„Schon allein ein rhythmischer Tagesablauf kann viel zum Wohlbefinden beitragen“, erläutert Matthias Girke. „Ein weiterer, ganz elementarer Bereich ist die Pflege. Eine morgendliche Rosmarinabwaschung zur Belebung ist ja eigentlich eine ganz einfache pflegerische Maßnahme, aber sie hat eine spürbare therapeutische Wirkung.“ Auch Dr. med. Harald Matthes, ärztlicher Leiter und Geschäftsführer der Havelhöhe sowie leitender Arzt in der Gastroenterologie, plädiert für einen erweiterten Blick auf das Kranksein: „Es geht darum, neben dem Körperlichen das Seelisch-Geistige oder Spirituelle in die Diagnostik mit hineinzunehmen, denn Körper, Seele und Geist agieren miteinander. Ich muss also schauen, welche Schichten betroffen sind. Als Arzt kann ich dem Patienten helfen, aus verschiedenen Handlungsoptionen die für ihn beste auszuwählen: Das kann eine Operation sein, eine Psychotherapie oder auch eine künstlerische Therapie. Oder alles zusammen.“

Eine anthroposophische Ausrichtung zeigt sich also keineswegs allein an künstlerischen Therapien oder anthroposophischen Medikamenten: „Jede medizinische Intervention ist eine andere, wenn sie einem solch umfassenden Menschenbild entspringt“, findet Matthias Girke. „Die innere Haltung des Arztes ist entscheidend und strahlt auf alles andere aus.“

Prozesse statt „Rohrreiniger“

Wer zum Beispiel einen Herzinfarkt lediglich auf verstopfte Gefäße zurückführe, die quasi per „Rohrreiniger“ wieder durchgeputzt werden können, verpasse eine große Chance, ist sich Harald Matthes sicher: „Wenn der Kardiologe sagt, kein Problem, wir reparieren das, bedient er exakt das mechanische Weltbild der häufig extrem gestressten und voll verplanten Infarktpatienten. Fragt der Arzt stattdessen nach den Ursachen, spricht er mit ihnen über ihren Umgang mit Stress, über Ernährungsgewohnheiten oder das Rauchen, dann kommt er vom Durchputzen zum Prozessualen.“

Für ein solches Vorgehen gibt es gute Argumente. Zahlreiche Studien belegen, dass sogenannte Lifestyle Modifications eine enorme Wirkung haben. Selbst Verkalkungen der Arterien können sich wieder lösen. „Wenn ein Patient seine Lebensweise nach einem Herzinfarkt nicht grundlegend ändert, gibt es eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent, dass er nach vier Jahren den nächsten Infarkt erleidet. Achtet er hingegen auf mehr Bewegung und eine gesündere Ernährung, dann sinkt die Wahrscheinlichkeit auf 15 Prozent. Das beeindruckt die Patienten und motiviert sie“, so die Erfahrung von Harald Matthes. Es geht also durchaus darum, die Patienten mit in die Verantwortung zu nehmen. Wichtig sind deshalb auch weiterführende Angebote, die solche Anregungen verstärken – auf der Havelhöhe etwa die „Herzschule“, in der Patienten gemeinsam üben, die guten Vorsätze auch umzusetzen.

Dieser Artikel wurde erstmals in der viaWALA Dezember 2016 veröffentlicht.