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Balkenwerk und Farbenspiel

Massiv, fast schon wuchtig wirken die Betonwände des Treppenhauses im WALA Firmengebäude. Es bietet Zugang zu den verschiedensten Bereichen des Unternehmens, ist durch seine Lage gleichsam kommunikativer Nukleus und architektonische Richtschnur. Eine zentrale tragende Funktion hatten früher auch die derzeit dort installierten Fragmente aus altem Balkenwerk. Wer die Ausstellung von Raphael Madl im Treppenhaus auf sich wirken lässt, wird davon jedoch kaum noch etwas feststellen können: Farbenfroh und leicht kommen sie daher, archaisch und gleichzeitig modern – lebendig eben. „Mir gefiel diese faltenreiche, verwitterte Haut, in die sich über lange Zeiträume Frost und Hitze eingegraben haben, dazu runenartige Zeichen und Eingriffe von Zimmerleuten, Wurmfraß und Pilzgeschehen – Lebensspuren lang vergangener Zeiträume“, erzählt der Künstler. Eine Würde des Stofflichen sei ihm da entgegengekommen, die er mit künstlerischer Bearbeitung auf eine neue Daseinsstufe zu heben versucht. Er tut dies mithilfe von Materialien, die ihn in seinem Leben begleiten: Asche aus seinem Kamin, Kaffeepulver, Aquarellfarben und Pastellkreiden, sowie Bienenwachs von seinen Bienenvölkern. Letzteres nutzt er vor allem als Träger für Pigmente und erreicht so feinste Farbabstufungen. Auch Blattgold kommt sparsam zum Einsatz. „Das ist mein Bemühen um einen wertschätzenden Kontrapunkt zur Hinfälligkeit des Holzes“, so Madl. Es gehe darum, die Strukturen, die die Zeit ins Holz eingegraben hat, herauszuarbeiten und deutlich zu machen, darum, dem Vergänglichen eine neue Daseinsmöglichkeit zu geben.

Gold als Ausdruck des „Edlen“ verleiht dem alten Fachwerk einen Hauch von Ewigkeit. Foto: Anna Hirte

Blick in die aktuelle Ausstellung in der WALA. Foto: Anna Hirte

Aus dem Leben gegriffen: Madl arbeitet mit Materialien aus seinem Künstleralltag. Foto: Anna Hirte

Raphael Madl ist nicht nur Künstler, er war während seines Erwerbslebens auch als biologisch-dynamischer Landwirt und als Sozialtherapeut im gärtnerisch-landschaftspflegerischen Bereich tätig. Foto: Anna Hirte

Die Auferstehung der ehemals tragenden Balken

Wegen einer Erkrankung verfüge er über einen "unfreiwilligen Zeitwohlstand“, schmunzelt Madl. Dieser eröffne ihm viele Möglichkeiten und erlaube es ihm so, seine Energie unser anderem der Kunst zu widmen, die er als „lebensverlängernde Maßnahme für die Materialien aber auch für sich selbst“ sieht. Seine Lebensstationen als biologisch-dynamischer Landwirt und als Sozialtherapeut im gärtnerisch-landschaftspflegerischen Bereich haben sicherlich ihren Teil dazu beigetragen – vor allem als er die Aufgabe bekam, für die therapeutische Arbeit bei der Entkernung und Renovierung einer Reihe von alten Bauernhäusern mitzuwirken. Im Zusammenhang dieser ersten Begegnung mit dem alten Fachwerk formte sich in ihm die Frage, ob dieses Holz, das den Menschen teilweise viele Jahrhunderte gedient hatte, nun einfach zu Brennholz verarbeitet werden sollte. Seine Antwort darauf war klar und gleichzeitig sein persönlicher Antrieb: „Eine Ästhetik der Wertschätzung, des Kümmerns und Bewahrens, des Aufhebens und Verwandelns kommt darin zum Ausdruck.“ Eine Verneigung vor der Handwerkskunst gewissermaßen. Und es schwingt fast schon etwas Sakrales, etwas Transzendentes mit, wenn Raphael Madl davon spricht, dass er die vertikalen Goldstriche auf den Balken als Auferstehungsgeste betrachtet. Und ein wenig Auferstehung steckt ja durchaus auch in seinem Tun, wenn er das Gedächtnis der Balken in die Jetztzeit transportiert.