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Die Sprache der Farben

Ein gesellschaftliches Event, bei dem die Freude an Farben im Vordergrund steht: „The Color Run“. Foto: Shutterstock/Peeratouch Vatcharapanon

Es heißt, Rot mache aggressiv, Blau wirke seriös, Ocker beruhige. Die Liste ließe sich endlos weiterführen. Sind das alles nur Klischees, oder ist an ihnen tatsächlich etwas dran?

Axel Buether:

Wie an jedem Klischee ist auch an diesen etwas dran: Rot zum Beispiel kann durchaus aggressiv wirken, wir werden ja auch rot vor Zorn. Rot steht traditionell für Macht, Aggression und Stärke. Es wird daher nicht zufällig häufig als Trikotfarbe im Sport eingesetzt. Allerdings ist die Wirkung von Farben sehr komplex und zudem von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Rot ist genauso die Farbe der Liebe und der Verführung. Sie lässt kalte Räume wärmer erscheinen und signalisiert bei Früchten einen hohen Zuckergehalt. Mit anderen Worten: Ein und dieselbe Farbe kann für komplett gegenläufige Wirkungen stehen.

Wenn die Wirkung so komplex ist: Was muss man dann beim Einsatz von Farben, etwa in Räumen, bedenken?

Axel Buether:

Genau diese Frage diskutieren wir gerade mit zwei großen Kliniken für Intensivmedizin, die wir momentan bei ihren Farbkonzepten beraten. In diesem Zusammenhang beforschen wir auch erstmals weltweit in großem Maßstab die Wirkung von Farben auf kranke Menschen. Was passiert, wenn wir die Räumlichkeiten in unterschiedlichen Farben gestalten? Bei Epileptikern können sie im schlimmsten Falle Anfälle auslösen. Bei verwirrten Patienten kann beispielsweise ein blauer Boden dazu führen, dass sie sich nicht rübertrauen, weil sie ihn für ein Gewässer halten.

Das heißt: Farben können in der Tat eine starke Wirkung haben.

Axel Buether:

Zweifellos. Was wir aber noch nicht so genau sagen können, ist, welche Wirkung welche Farben auf welche Menschen haben. Daran forschen wir. So haben wir in einem Versuch mit über 500 Probanden sogenannte Colour-Mindmaps erstellt, die definierte Farbtöne bestimmten Assoziationen zuordnen. Wir gehen damit noch einen Schritt weiter als Goethe, den wir heute als Begründer der Farbpsychologie sehen. Wir versuchen, die biologischen Ursachen von Farbwirkung herauszufinden, weil wir glauben, dass die Wirkung von Farben in unserer Historie verankert ist.

Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Axel Buether:

Nun, es ist ja kein Zufall, dass die Farbe Blau für Freiheit, Weite und Unabhängigkeit steht. Das hat natürlich damit zu tun, dass wir Blau mit dem Ozean und der Unendlichkeit des Himmels assoziieren. Deshalb fällt es uns sehr schwer, uns Blau als einen geschlossenen Raum vorzustellen. Bei gelben Sand- und rotbraunen Ockertönen funktioniert das sehr viel besser.

Nach der Ausbildung zum Steinmetz und Steinbildhauer sowie der beruflichen Praxis als Restaurator und freier Steinbildhauer studierte Axel Buether (Jahrgang 1967) Architektur an der TU Berlin, der UdK Berlin und der Architectural Association London. Promoviert hat er an der Universität Stuttgart. Im Jahr 2007 wurde er zum Vorstandsvorsitzenden des „Deutschen Farbenzentrums e. V. – Zentralinstitut für Farbe in Wissenschaft und Gestaltung“ gewählt. Seit 2012 lehrt und forscht er zudem an der Bergischen Universität Wuppertal Foto: Matthias Ritzmann

So bunt, dass es fast schon quietscht: zwei Paar Laufschuhe nach dem „Color Run“. Foto: Shutterstock/Vietnam Stock Images

Gilt das historisch und kulturell gesehen durchgängig?

Axel Buether:

Nein. Farben stehen für bestimmte Perioden, wie beispielsweise Braun- und Orangetöne für die 70er-Jahre. Auch geografisch und kulturell gibt es große Unterschiede. Die Farbe Grün beispielsweise symbolisiert in vielen Kulturen Erholung, Gesundheit und Gedeihen. Sie ist daher auch die Farbe des Islam, der traditionell in Wüstenregionen verankert ist, wo grüne Oasen sinnbildlich für das Leben stehen. Im mittelalterlichen Europa war das ganz anders. Damals war die allgegenwärtige Natur etwas, das man bekämpfte und aus den Städten herauszuhalten suchte. Ikonografisch war Grün daher bei uns nie sehr hoch angesehen. Ihr Revival hat diese Farbe erst im Industriezeitalter erlebt, als die Menschheit bemerkt hat, dass die Naturräume bedroht und unsere Ressourcen endlich sind.

Wenn man sich in der Architektur umschaut, hat man das Gefühl, dass Farbe keine Rolle spielt. Der vorherrschende Farbton ist doch immer Weiß?

Axel Buether:

Frei nach dem Wissenschaftler Paul Watzlawick lässt sich sagen: „Man kann nicht nicht mit Farben kommunizieren.“ Sogar mit der Farbe Weiß trifft man ja eine gewisse Aussage. Wir merken übrigens in Kliniken und Schulen, wie unwohl sich die Menschen mit der Farbe Weiß fühlen. Früher hatte das Krankenhaus-Weiß einen Sinn. Es stand in einer Zeit, in der Unreinheit eine große Gefahr darstellte, für Sterilität. Heute brauchen wir diese Botschaft nicht mehr, und von den Kinder- über die Geburtsabteilungen kehrt die Farbe in die Krankenhäuser zurück. Das können wir nur begrüßen.

Sie lehren nicht nur an der Universität Wuppertal, Sie leiten auch das Deutsche Farbenzentrum e.V. Was genau tun Sie da?

Axel Buether:

Das Deutsche Farbenzentrum ist vor mehr als 50 Jahren als Forum von Menschen gegründet worden, die sich für Farben interessierten. Dazu gehörten Kreative, Künstler, Psychologen, Naturwissenschaftler, Neurowissenschaftler und Angehörige vieler anderer Berufe. Schließlich spielen Farben und ihre Wirkung in ganz unterschiedlichen Bereichen eine Rolle. Tiere und Pflanzen etwa können über Farben kommunizieren, indem sie Farbstoffe produzieren, die andere anlocken oder abschrecken. Auch unser Gehirn arbeitet zu etwa 60 Prozent mit Farbinformationen, dem Stoff unserer inneren Vorstellungs- und äußeren Wahrnehmungsbilder.

Haben Sie als Farbexperte eigentlich eine Lieblingsfarbe?

Axel Buether:

Das ist eine interessante Frage, auf die Sie fast nie eine ehrliche Antwort bekommen werden. Denn Menschen nutzen ihre Lieblingsfarbe – beziehungsweise das, was sie als ihre Lieblingsfarbe ausgeben – sehr stark, um sich positiv darzustellen. Deswegen wird in Deutschland statistisch gesehen am häufigsten Blau als Lieblingsfarbe genannt, schließlich steht es für Aufgeschlossenheit und Offenheit. Als unbeliebteste Farbe gilt hierzulande Braun, obwohl es in Wirklichkeit eine sehr häufig eingesetzte Farbe ist: Denken Sie nur an Holz als architektonisches Element oder die vielen Beigetöne in der Bekleidung. Aber historisch gesehen steht Braun nun einmal für Spießigkeit, im schlimmsten Fall für den Nationalsozialismus.

Deshalb findet man hierzulande kaum jemanden, der auf die Frage nach der Lieblingsfarbe mit „Braun“ antwortet.

 

Axel Buether:

Richtig. Genauso schwierig ist die Antwort „Schwarz“, weil der Farbton mit Trauer und Depression assoziiert wird. Würde ich als Mann „Rosa“ antworten, würden Sie mich sogleich in eine bestimmte Ecke stellen. Auch „Grau“ wäre schwierig, obwohl ich persönlich Grautöne in Kombination mit Rosa und Violett sehr gerne mag.

 

 

Herzlichen Dank für das Interview.

Dieser Artikel wurde erstmals in der viaWALA Dezember 2017 veröffentlicht.