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Essen für alle

Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, Vorstandsvorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft, plädiert für ein Umdenken in der Landwirtschaft – und bei den Verbrauchern. Seine Thesen hat er 2020 auf Einladung der WALA im Rahmen der Vortragsreihe „Landwirtschaftliches Kolloquium“ in Eckwälden vertreten.
Foto: BÖLW

Dr. Felix Prinz zu Löwenstein ist Biolandwirt. Als Vorstandsvorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) tritt er aber auch regelmäßig als überzeugter Verfechter biologischer Landwirtschaft in Erscheinung. Wer ihn jedoch schlicht als „Öko-Freak“ bezeichnet, wird seiner Mission nicht einmal annähernd gerecht. Pointiert lautet die Kernaussage des Agrarwissenschaftlers: „Wir werden uns ökologisch ernähren – oder gar nicht mehr.“ Deshalb fordert er ein Umdenken – in der Landwirtschaft wie in der täglichen Ernährung jedes Einzelnen. Nicht irgendwo. Sondern hier bei uns, in den reichen Industrieländern. Hunger ist nämlich nicht etwa vorrangig ein Problem der Armen in Afrika oder Asien. Wir alle sind verantwortlich.

Ein Problem der Verteilung

Schneller, höher, weiter: Lässt sich ein Prinzip, das im Sport gilt – und leider viel zu häufig auch in der Industrie –, eins zu eins auf die Lebensmittelproduktion übertragen? Schaffen wir den Welthunger ab, indem wir einfach mehr Nahrung anbauen? „Leider nein“, ist sich Prinz zu Löwenstein sicher. Denn seit Jahren wächst zwar die Menge der weltweit produzierten Lebensmittel. Im Jahr 2013 hätten damit rein rechnerisch 12 bis 14 Milliarden Menschen satt werden können, während wir „nur“ knapp acht Milliarden zählen. Doch die Realität sieht anders aus: Fast 850 Millionen Menschen leiden Hunger. Knapp eine weitere Milliarde ist unterernährt. Der Grund: Wir können die vorhandene Nahrung nicht gerecht verteilen. Die Überschüsse reicher Ländern machen nicht etwa die Hungernden dieser Welt satt, sondern landen im Müll. Ein Großteil der Ernte dient außerdem Nutztieren als Futter, um den übermäßigen Fleischkonsum der Industrienationen zu befriedigen. Pro Jahr verzehrt ein Mensch in Deutschland etwa 60 Kilogramm Fleisch. In armen Ländern verschärfen Bürgerkriege, korrupte Regierungen und eine ungerechte Landverteilung die ohnehin bereits schlechte Versorgungslage zusätzlich.

Wettlauf um Anbauflächen

Stichwort Landverteilung. Nicht genug, dass zunehmend Flächen für den wachsenden Bedarf an Tierfutter benötigt werden und dafür etwa der Regenwald in Südamerika systematisch zerstört wird. Seit Jahren erwächst der Lebensmittelerzeugung auch eine neue, gierige Konkurrenz: der global steigende Energiebedarf. Der Anbau von nachwachsenden Rohstoffen zur Energieversorgung verschlingt immer mehr Land. „Damit tritt die nachhaltige Energiegewinnung in einen direkten Wettbewerb mit der Lebensmittelproduktion“, erläutert der BÖLW-Vorsitzende. Was wiederum Begehrlichkeiten weckt. Land wird knapper und Ackerboden eine lukrative Ressource. Private Investoren, aber auch ganze Staaten erkennen den Wert von fruchtbarem Boden und decken sich mit großen Agrarflächen in den klammen Staaten Afrikas ein. Wo Kleinbauern nicht durch offizielle Verträge geschützt sind, wird ihnen das Land einfach weggenommen. „Landgrabbing“ lautet der Fachbegriff für diese Praxis. Prinz zu Löwenstein unterstreicht: „Dass ausgerechnet in Äthiopien Millionen Hektar Ackerland Investoren aus Industrienationen überlassen wurden, lässt erahnen, welch verheerenden Einfluss der westliche Lebensstil auf die Lage der Welternährung hat.“

Der biologisch-dynamische Anbau strebt nach Kreislaufwirtschaft. Mensch, Pflanze, Tier und Boden hängen voneinander ab, wirken zusammen und verschmelzen quasi zu einem einzigartigen Organismus.
Foto: WALA Heilmittel GmbH/Kerstin Braun
Arbeit im Einklang mit der Natur und nach dem Vorbild ihrer Rhythmen – diese Grundsätze leben wir im WALA Heilpflanzengarten.
Foto: WALA Heilmittel GmbH/Kerstin Braun
Stickstoffdünger fördert zwar die Entwicklung von Pflanzenmasse, jedoch bleibt die Qualität dabei auf der Strecke. Biologisch-dynamisch arbeitende Landwirte dagegen ernähren das Bodenleben so, dass das belebte Erdige für die Pflanzenwurzeln verfügbar wird. Auch eine vielfältige Fruchtfolge trägt dazu bei, Böden fruchtbar zu erhalten.
Foto: WALA Heilmittel GmbH/Kerstin Braun

Ökologische Landwirtschaft als Ausweg

Doch wie lässt sich dieser Teufelskreis denn nun durchbrechen? Prinz zu Löwenstein konkretisiert: „Unsere Landwirtschaft und unsere Ernährungsweise müssen ökologisch werden! Wir brauchen ein Gegenmodell zur herkömmlichen Agrarindustrie. Und genau hier kommt der ökologische Landbau mit seinem umfangreichen Methodenrepertoire ins Spiel.“

Besonders in Entwicklungsländern drängen Hilfsorganisationen und die Vereinten Nationen auf eine ökologische Intensivierung der Landwirtschaft anstelle einer Industrialisierung nach westlichem Vorbild. „Gelingen kann diese ökologische Intensivierung durch eine Kombination moderner wissenschaftlicher Erkenntnisse mit dem reichen Erfahrungsschatz, der insbesondere in traditionellen Gesellschaften noch erhalten ist“, sagt der Experte. Die Vorteile sind vielfältig. So steht die ökologische Landwirtschaft etwa für Biodiversität, also für eine bunte Vielfalt unterschiedlicher Pflanzen und Tiere, soweit sie in der industriellen Landwirtschaft noch nicht untergegangen ist. Nicht zuletzt verbessern Landwirte, die im Einklang mit der Natur ihre Erträge steigern, in den meisten Fällen auch noch ihre Einkommenssituation.

Prinz zu Löwenstein belegt seine These mit Beispielen. So hat sich etwa auf Haiti, den Philippinen, in Kenia und in Äthiopien die Ernährungslage der Menschen durch ökologische Landwirtschaftsprojekte verbessert. In ländlichen Regionen sind Erträge und Einkommen der Bauern gestiegen. Und ihre Gewinne müssen sie nicht länger in landwirtschaftliche Chemikalien aus den Industriestaaten investieren. „In den vergangenen Jahren wurden ausreichend Daten erhoben und ausgewertet, um die Effizienz des ökologischen Systems zu belegen“, freut sich zu Löwenstein.

Müssen wir unsere Ernährung umstellen?

Wunderbar – Problem gelöst! Oder doch nicht? Offen ist nach wie vor die wichtige Frage, welche Konsequenzen wir Menschen in der ersten Welt daraus ziehen sollten. Wie schaffen wir die Transformation zu einer ökologischen Landwirtschaft, die auch künftigen Generationen ihre Lebenschancen lässt? Prinz zu Löwenstein: „Die Umwelt darf nicht länger einen erheblichen Teil der Produktionskosten bezahlen. Vielmehr müssen sich diese im Preis der Produkte niederschlagen. Erst wenn sich die Kosten der mit seiner Herstellung einhergehenden Umweltzerstörung im Preis eines Schnitzels wiederfinden, wird der ökologische Landbau konkurrenzfähig.“

Unser Ernährungsverhalten würde sich ändern – zum Nutzen aller. Wer seinen Fleischkonsum halbiert, dafür aber biologische Qualität zum doppelten Preis kauft, erhöht seine Ausgaben für Lebensmittel kaum, isst aber insgesamt gesünder und leistet einen Beitrag zur Sicherung der Welternährung.