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Hauschka spielt Klavier

Seit Ende Juni 2018 ist Bertelmann alias Hauschka ein Mitglied der Academy of Motion Picture Arts and Sciences. Im Jahr 2017 erhielt er für die Filmmusik zu „Lion – Der lange Weg nach Hause“ Nominierungen für den Oscar und den Golden Globe Award.

Ein sehr großer, schlanker Mann öffnet mir strahlend die Türe. Vorbei an seinem Rennrad, das im Wohnungsflur an der Wand lehnt, folge ich dem leicht nach vorne gebeugt eilenden Mann in das Zentrum dieser Wohnung, das zwei Klaviere mit freiem Blick auf die Saiten und ein großes Mischpult neben dem roten Sofa prägen. Seine schnellen Bewegungen drücken vielleicht künstlerische Umtriebigkeit aus, oder einen zu vollen Terminkalender? „Um 13 Uhr gebe ich noch ein Telefoninterview“, erzählt Volker Bertelmann und bedauert, dass wir nach dem Gespräch nicht zusammen Mittagessen gehen können, um seinen heutigen Geburtstag zu feiern.

Ein Künstlername wie eine Art Label

Wie er auf den Namen Hauschka gekommen ist, interessiert mich natürlich. „Ich hatte Sorge, dass ich mit Klaviermusik und meinem richtigen Namen auf immer und ewig auf Klaviersolo festgelegt sein würde und suchte deshalb nach einem Künstlernamen“, erzählt Volker Bertelmann. „Dieser Künstlername soll wie eine Art Label sein, unter dem vieles möglich ist.“ Da er keinen englischen Namen verwenden wollte, suchte er nach Wörtern, die aus dem osteuropäischen Raum stammen, einer Region, mit deren melancholischer Volksseele er sich sehr verbunden fühlt. Dabei stieß er auf Vinzenz Hauschka, einen böhmischen Komponisten, der von 1766 bis 1840 lebte. „Außerdem haben wir auch Dr. Hauschka Produkte bei uns zu Hause, da fiel mir der Name nochmals auf. Nach längerer Überlegung habe ich mich für den Namen entschieden – und er ist genau der Richtige!“

Kronkorken, Filzkeile, Pergamentpapier

Während des Gesprächs habe ich die Klaviermusik im Ohr, die unter dem Label Hauschka veröffentlicht ist. Sehr melodische, improvisierte Musik, oft voller Sehnsucht, eingespielt auf so genannten präparierten Klavieren. Auf die Idee kam Volker Bertelmann 2004, als er in Wales in den Bergen bei einem Freund im Tonstudio eine Piano-solo-Platte einspielte. Eigentlich wollte er elektronische Musik machen, hatte aber keine Lust, mit einem Computer auf der Bühne aufzutreten, der zwischen ihm und dem Publikum stehen würde. Dann klemmte er Kronkorken, Filzkeile, Pergamentpapier oder Plastikfolie zwischen die Saiten, arbeitete mit Klebeband, erzeugte erstaunlich elektronisch und perkussiv wirkende Klänge und entdeckte eine neue Musikwelt für sich.

Rhythmus muss lebendig bleiben

Ich frage Volker Bertelmann danach, was für ihn Rhythmus bedeutet. „Er ist Lebensqualität, Verlässlichkeit und Halt, Ritual und Tanz, Ineinandergreifen von Mustern, Sexualität, Wiederkehr.“ Rhythmus müsse lebendig bleiben, sonst würden die Dinge spießig. Der Unterschied zum Takt eben, der keine Variation zulässt. Rhythmus helfe ihm auch dabei, anzukommen, sagt er. Und man müsse die Dinge im richtigen Rhythmus tun. Vieles brauche Zeit, um zu wachsen und gut zu werden. Das sagt ein Mann, der eine schwere Krise in seinem Musikerleben durchmachen musste. Sehr jung und vielleicht zu schnell hatte er bereits große Erfolge, gründete mit 14 Jahren seine erste Rockband, schrieb mit 18 Jahren Filmmusik für zwei Folgen der ZDF-Serie „Ein Fall für zwei“, spielte und rappte mit Anfang 20 zusammen mit seinem Cousin in der Band God’s Favorite Dog, die als Vorband der Fantastischen Vier auftrat. Dann kam der Bruch. Die Band ging auseinander, sein bester Freund ging ins Kloster, seine damalige Freundin verließ ihn. „Ich konnte mich nicht mehr rühren. Heute würde man das als Depression bezeichnen.“ Nein, die Musik hätte ihm damals nicht mehr geholfen, er hätte keine Musik mehr machen können. Ganz im Gegenteil fastete er sozusagen musikalisch, was einer inneren Reinigung gleichkam und Raum für neue Musik schuf. Denn ohne Musik scheint ein Leben für Volker Bertelmann unmöglich zu sein.

„Das Spielen ist für mich wie eine Meditation, bei der ich mich aus mir herauslöse und in eine andere Welt begebe“, sagt Volker Bertelmann.

Ich wollte unbedingt Klavier spielen lernen

Die Sehnsucht nach der Musik begann bereits in seiner Kindheit. In seinem christlich geprägten Elternhaus im Siegerland war es normal, miteinander zu singen und klassische Musik zu hören. Als er mit seinen Eltern zu einem Klavierkonzert in der Gemeinde ging, löste das einen regelrechten Sturm in ihm aus: „Ich wollte unbedingt Klavier spielen lernen.“ Die Großtante finanzierte diesen Wunsch, kaufte ein gebrauchtes Klavier und zahlte die ersten Klavierstunden. Ob ihm das Üben als Kind dann nicht doch irgendwann zu viel geworden sei? „Nein, lieber habe ich keine Hausaufgaben gemacht und dafür Klavier gespielt – allerdings nicht unbedingt die Stücke, die ich üben sollte, sondern meine eigenen!“ Das Glücksgefühl beim Klavierspielen sei bis heute geblieben.

Der Raum war immer voller Mädchen

Eigentlich hätte sein Leben auch andere Wege nehmen können. Zum Beispiel war Volker Bertelmann während seiner Schulzeit ein sehr guter Handballer. „Damals habe ich mich aber für die Musik entschieden, weil bei den Konzerten der Raum immer voller Mädchen war“, sagt er lachend. Seine Eltern wünschten sich einen soliden Beruf für ihren Sohn. Er studierte Medizin bis zum Physikum. Es folgte ein BWL-Studium bis zum Vordiplom, dann stoppte er auch dies. „Ich hatte kein Vertrauen, mit Musik genügend Geld zu verdienen.“ Aber lassen konnte er sie auch nicht. Das BWL-Studium kommt Volker Bertelmann heute zugute. Er organisiert sich zu großen Teilen selbst, mischt seine Musik ab, gestaltet seine CD-Cover sowie die Internetseite und kümmert sich um die Werbung. „Ich habe gelernt, neue CDs geordnet zu veröffentlichen, dass ich eine Konzertreise planen muss, die ich antrete, wenn die CD auf den Markt kommt, dass Plakate da sein müssen, damit Werbung läuft“, sagt er. So zu arbeiten, hat ihn auch die Krise gelehrt, in der die Dinge zu ungeordnet auf ihn einstürzten.

„Ich muss mich immer wieder neu erfinden“

Heute lebt Volker Bertelmann von der Musik und ist mittlerweile so bekannt, dass die Anfragen ohne Anstrengung zu ihm kommen. Seien es Studenten der Hochschule für Musik und Medien Düsseldorf, die eine Dokumentation über ihn machen wollen, oder Werbeagenturen und Filmemacher, die von seiner Musik angetan sind. Wie der Luxemburger Jeff Desom, der bei den Vorbereitungen für sein Musikvideo Bloksky einen Pianisten skizzierte, der aussah wie Volker Bertelmann. So kam es, dass das Video nicht nur mit Musik von Hauschka untermalt ist, sondern Volker Bertelmann auch noch sehr berührend die Hauptrolle darin spielt. Diese Vielseitigkeit ist es, die Volker Bertelmann sucht. „Dabei ist für mich ganz wichtig, dass sich die Musik verbreitet.“ Deshalb gründete er 2005 in Düsseldorf das Musikfestival Approximation 7:1, dessen Ziel es ist, jungen Musikern, die auf überraschende und undogmatische Weise die Möglichkeiten des Klaviers ausloten, eine Plattform zu bieten. Bei alldem wirkt er unglaublich zufrieden und glücklich. „Glück ist für mich, wenn alles in mir in Einklang ist mit dem Äußeren. Und dabei habe ich gelernt, dass sich umso mehr Wünsche erfüllen, je mehr ich sie loslassen kann.“ Es ist künstlerische Umtriebigkeit, die seine Bewegungen so anfeuert. Davon bin ich jetzt überzeugt.