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Klein mit großer Wirkung

Maria Scafarella ist Studentin der Kunsttherapie und erntet Rosen, die hinter Johanniskraut wachsen. Foto: Silicya Roth

Seit 2016 gewinnen die dortigen Kunstpädagogen und Kunsttherapeuten aus den Pflanzen verschiedene, bunte Farben zum Malen – übrigens C02-neutral. Wir können unsere Verwunderung nicht verbergen. Dieser Garten hat Anfang 2017 den RWE-Klimaschutzpreis erhalten? Dabei besteht er nur aus sieben Quadratmetern! Neugierig geworden, wollen wir der Sache auf den Grund gehen.

Von Holunder bis Kamille

Etwa 30 Arten färbender Pflanzen sind hier versammelt. Gelbe Ringelblumen wachsen neben Schwarzem Holunder, grüne Brennnesseln neben gelber Färberkamille. Im Frühjahr 2016 ist dieser Färbergarten zwischen den Uni-Gebäuden der Kunsttherapeuten und der Kunstpädagogen unter Anleitung von Corinne Roy entstanden. Die Künstlerische Mitarbeiterin ist zudem Biologin und leitete die helfenden Studierenden an. Neben dem Färbergarten geht es direkt in das Atelier mit großer Fensterfront, aus dem Maria Scafarella und Floyd Roos kleine Weidenkörbchen geholt haben. Die beiden Studenten pflücken die Blüten einer gelben Schafgarbe und einer duftenden roten Rose. Béatrice Cron widmet sich den leuchtend gelben Johanniskrautblüten, die bereits beim Pflücken ihre Fingerspitzen dunkel färben. Die Professorin für Malerei erzählt, wie die Hochschule zum Färbergarten kam. Ideengeber ist der Künstler Peter Reichenbach aus Essen, zu dem ihre Kollegin Hildrun Rolff, Professorin für Kunsttherapie, den Kontakt herstellte. Als Reichenbach durch die Arbeit mit konventionellen Malfarben erkrankte, begann er, Stück für Stück auf Pflanzenfarben umzustellen. Er gründete zudem die Netzwerkinitiative „sevengardens“, die mit einer verblüffend einfachen Methode Farben aus verschiedenen Pflanzen erzeugt.

Arbeit mit allen Sinnen

Im Atelier sitzen die drei Blütenpflücker zusammen und zerkleinern ihre Ernte in Mörsern. Den Pflanzenbrei pressen sie mit Baumwolltüchern aus. Und schon sind drei verschiedene Farbtöne entstanden. Beziehungsweise noch viel mehr! An der Luft verändern sich die Farben zusehends. Der Zusatz von Zitronensaft, Natron oder Kalium-Aluminium-Sulfat lockt weitere Töne aus den Pflanzensäften. „Wenn man den ganzen Prozess mitmacht, vom Pflücken über das Verarbeiten, geht es um das Ertasten der Pflanze, um das Riechen“, weiß Béatrice Cron aus Workshops mit Studenten. „Das ist Sinnesarbeit. Es entsteht dabei so etwas wie kindliche Freude.“

Pflanzenmaterial, ein Gefäß zum Zerstoßen, ein Tuch zum Auspressen, außerdem Natron, Zitrone und Kalium-Aluminium-Sulfat – das sind die Zutaten für Pflanzenfarben.

Maria Scafarella (vorne) und Floyd Roos zeigen auf dem Papier, wie viele Farben aus Pflanzen entstehen können.

Béatrice Cron (l.), Professorin für Malerei, und Corinne Roy, Künstlerische Mitarbeiterin im Bachelorstudiengang Kunsttherapie-Sozialkunst, inmitten der Färberpflanzen. Foto: Silicya Roth

Vielfalt der Farben

Wir sind überrascht, was bereits eine einzige Pflanze an Farben hervorbringt: Der braune Saft aus Johanniskrautblüten enthält – auf Papier aufgetragen – rote Nuancen und wird schließlich grün.

Maria Scafarellas frisch gepresster Rosenblättersaft hingegen ist dunkelviolett. Sie entlockt ihm ein unerwartetes Spektrum aus Pink, Grün, Anthrazit bis hin zu Taubengrau. Die Studentin der Kunsttherapie sieht entspannt aus, während sie in ruhigen Strichen ihre Farbe aufträgt. „Ich untersuche die Wirkung der Rosenfarbe“, erzählt sie. Rosen seien bekannt für ihre antidepressive und ausgleichende Heilkraft. Deshalb malt Maria Scafarella im Rahmen ihrer Bachelor-Thesis mit depressiven Patienten.

Lebendige Kunstwerke

Floyd Roos, Student der Kunstpädagogik, ergänzt das Gemeinschaftswerk mit gelben Tönen aus der Schafgarbe. Er malt am liebsten mit Kindern, Jugendlichen und Menschen mit Behinderungen. „Wir gehen einfach in die Natur, sammeln, was wir finden und probieren aus“, erzählt er. Diese Methode sei besonders im Zeitalter zunehmender Digitalisierung wichtig und könne den Blick spielerisch auf die Umwelt lenken. Die Malergebnisse beindrucken durch ihre Lebendigkeit. Für die Ewigkeit sind diese Kunstwerke allerdings nicht gedacht, denn die Pflanzenfarben verblassen mit der Zeit.

Ökologisches Bewusstsein

Béatrice Cron hat die Pflanzenfarben mittlerweile in ihre Ausbildung eingebunden. Sie bemerkt, wie der Umweltaspekt für immer mehr Studenten wichtig wird. Acrylfarben verlieren zunehmend an Beliebtheit. Béatrice Cron selbst verzichtet komplett auf diese synthetischen Farben, mit denen viel Chemie im Abwasser landet. Mit Pflanzenfarben lässt sich das umgehen. „Dass beim Malen ein ökologisches Bewusstsein entsteht, das ist mir ganz wichtig“, sagt Cron. Dieser Anspruch geht Hand in Hand mit einem Nachhaltigkeitsforschungsprojekt ihrer Kollegin Hildrun Rolff. „Wir sind verantwortlich für die Zukunft“, unterstreicht Rolff. Als Studiengangsleiterin der Kunsttherapie beschäftigt sie sich mit der Frage, wie man die Naturkreisläufe für kommende Zeiten erhalten kann. Der Färbergarten passt dazu. Er ist klein, wirkt aber aktiv für den Umweltschutz.