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Energie aus der Tonne

Verpackungsmaterial wie Papier oder Kartons wird zu Ballen gepresst und danach wiederverwertet.

Die raue Alb macht an diesem Wintermorgen ihrem Namen alle Ehre. Über Türkheim, einer kleinen Gemeinde unweit von Geislingen an der Steige, weht ein eisiger Wind und treibt die Schneeflocken vor sich her. Hier, im Industriegebiet, steht die Anlage der Schradenbiogas GmbH & Co. KG. In der großen Halle ist von der frischen, kalten Winterluft nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil: Ein leicht süßlicher Geruch zieht in die Nase. „Wenn Sie eine Maske dabeihaben, können Sie sie gerne aufsetzen“, sagt Betriebsleiter Oliver Math mit erhobener Stimme – die Maschinen sorgen für eine ordentliche Geräuschkulisse. An den Geruch der Bio-Abfälle in der Halle hat man sich nach wenigen Minuten gewöhnt und es ist drinnen lange nicht so kalt und zugig wie vor dem Gebäude.

Bio-Abfälle sind der größte Anteil

Hinter dem großen Rolltor fällt der Blick zuerst auf einen Berg mit Biosäckchen aus der Bioabfallsammlung des Landkreises. „Bio-Abfall ist der größte Teil an Reststoffen, die wir hier verarbeiten“, betont Oliver Math. Daneben entladen Mitarbeiter gerade einen Lastwagen, der rückwärts an einer Rampe steht. Gut 40 grüne Tonnen hat er dabei, Speiseabfälle aus der Gastronomie. Immer drei Gefäße werden in eine Vorrichtung eingehängt und dann automatisch abgekippt. Der Fahrer eines Radladers wartet schon darauf, die Reste des einst guten Essens in die Verarbeitungsanlage zu kippen. „Hier links haben wir noch eine weitere Annahmestelle.“ Oliver Math zeigt auf eine Grube mit einem Gitterrost – dort hinein kommen die flüssigen Abfälle, etwa aus Metzgereien oder Molkereien. Und von der WALA, wie Viola Metschies, WALA Mitarbeiterin und Abfallbeauftragte, im Vorfeld des Besuches bei Schradenbiogas erklärt: „Wir liefern Fette, Öle und Wachse aus der Produktion nach Türkheim, die früher verbrannt wurden.“

Bakterien „fahren auf WALA Reststoffe ab“

Heute nennt man das Verbrennen „thermische Verwertung“. Klingt zwar besser – ist es aber nur bedingt, betont sie. Die Abfallbeauftragte sorgt seit 2018 dafür, dass Reststoffe aus der Herstellung oder auch Fehlchargen nicht mehr verbrannt, sondern bei Schradenbiogas wiederverwertet werden. „Wir halten uns damit an die geltenden gesetzlichen Vorschriften.“ Eine sinnvolle Lösung, weil die Bakterien in den Fermentern der Biogasanlage auf die WALA Abfälle „abfahren“, wie Viola Metschies erläutert. Diese Stoffe fördern den Gärprozess und sind deshalb in Türkheim gerne gesehen. Mehrere Tonnen jährlich liefern wir an. „Es dürfte von mir aus noch mehr sein“, bestätigt Oliver Math die Bedeutung dieser Reststoffe für die Vergärung. Bis es so weit war und Produktionsabfälle aus Bad Boll auf die Schwäbische Alb kamen, musste die Abfallbeauftragte einige Hürden nehmen. „Wir haben unter anderem eigene Gärversuche im Labor gemacht, um herauszufinden, wie die Stoffe reagieren und welches Potenzial sie haben“, so Viola Metschies. Alle Auswertungen und Dokumentationen dienten dann Schradenbiogas als Basis für die positive Entscheidung.

Von Joghurt bis Tierfutter

Einmal im Monat bringt ein Lkw mehrere Paletten mit den jeweils 30 Liter fassenden Sammelbehältern von der WALA zur Biogasanlage. Dort vermischt das moderne System die unterschiedlichsten Reststoffe zu einer bräunlichen Brühe: Lebensmittel aus dem Biomüll, Obst und Gemüse vom Stuttgarter Großmarkt, Joghurt, Pizzen, Schokolade und andere Süßwaren aus dem Großhandel. „Manchmal ist das, was in den Supermärkten übrig bleibt, sogar für die Tafelläden zu viel“, weiß der 49-jährige Betriebsleiter. Auch Tiernahrung ist immer wieder dabei – das stimmt ihn nachdenklich. „Wir haben hier in der Nähe ein Tierheim, die Mitarbeiter suchen händeringend Futterspenden.“ Aber er darf die Lieferungen natürlich nicht weitergeben, sondern muss sich an vertragliche und gesetzliche Vereinbarungen zur Verwertung halten.

Täglich 200 Tonnen Bio-Abfälle

Seit 2012 ist die Anlage von Schradenbiogas auf der Schwäbischen Alb in Betrieb. Im Schnitt kommen täglich fünf Lkw mit jeweils etwa 20 Tonnen in Türkheim an, darunter original verpackte Ware auf Paletten. Die anderen Kunden sind Kleinanlieferer. Handarbeit ist nur gefragt, um größere Kartons mit Lebensmitteln zu verwerten. Alles andere läuft automatisiert über große Schneidwerke, Förderschnecken und Entpackung. Diese Maschinen trennen Plastik und weitere Verpackungsmaterialien von den Lebensmitteln und zerkleinern diese Verpackungen so, dass sie sich hinterher thermisch verwerten lassen – in einer Müllverbrennungsanlage, nicht in Türkheim.

Mit dem Radlader kippt ein Mitarbeiter die Abfälle in den Sammelbehälter der Verarbeitungsanlage.

Moderne Technik: Automatisch trennt das System Bio-Abfälle von der Verpackung, die gleich zerkleinert wird.

Das Herzstück der Biogasanlage sind die Fermenter. Hier vergären die Bio-Abfälle und es entsteht Bio-Methan, das die EnBW zu Biogas veredelt und in das Erdgasnetz einspeist.

In großen Behältern sammelt das Unternehmen die Gärreste. Über den Winter kommt hier einiges zusammen – im Frühjahr düngen Landwirte damit ihre Flächen.

Wenig Luft nach oben: Sukzessive laufen die Sammelbehälter mit den Gärresten voll. Auf der Gärflüssigkeit schwimmen Hexacover-Platten – sie reduzieren die Geruchsentwicklung.

Abfälle aus der häuslichen Bioabfallsammlung bilden den größten Teil der Anlieferung bei Schradenbiogas in Türkheim.

Verpackungsreste, die sich nicht recyceln lassen, kommen in die thermische Verwertung.

Auf dem Monitor seines PCs hat Betriebsleiter Oliver Math alle Abläufe in der Biogasanlage im Blick. So kann er auch eventuelle Störungen sofort sehen.

Betriebsleiter Oliver Math im Gespräch mit unserem Redakteur Thomas Weilacher.

Gärprozess bei konstant 38 Grad

Hier führt der weitere Weg der verflüssigten Abfälle zum eigentlichen Abbau der organischen Substanz. Zwei Vorlagebehälter mit jeweils 1.000 Kubikmeter Fassungsvermögen nehmen das Gemisch auf und pumpen es in drei sogenannte Fermenter. In diesen runden Behältern, jeder 2.700 Kubikmeter groß, machen sich die Bakterien dann bei einer konstanten Temperatur von 38 Grad an die Arbeit. „Etwa 28 Tage lang bleibt der Energieschlamm in den Behältern, so lange dauert der Gärprozess. Dabei entsteht Methan, das wir im oberen Bereich absaugen und in einem Gaslager speichern. Von dort pumpen wir das Methan direkt in die benachbarte Biogasaufbereitungsanlage der EnBW, zwei Millionen Kilowattstunden im Monat“, erklärt Oliver Math. Die Energie Baden-Württemberg veredelt das Methan vor Ort zu 96-prozentigem Bio-Erdgas und speist es direkt in das Versorgungsnetz der Energieversorgung Filstal ein.

Gärreste als Dünger in der Landwirtschaft

Damit ist der Kreislauf von Entstehen und Vergehen fast geschlossen. Fehlt nur noch die Verwertung der Gärprodukte. „Das übernehmen Landwirte aus der Region, die sie als Dünger auf ihren Feldern ausbringen“, so der Betriebsleiter. Dazu erhitzt man die Gärflüssigkeit zunächst auf 70 Grad, um Bakterien abzutöten, die nicht in den Boden gelangen dürfen. In drei Sammelbehältern, 17 Meter im Durchmesser und 6,5 Meter hoch, bevorratet Schradenbiogas den flüssigen Dünger, bis Landwirte ihn abholen. Noch hat Oliver Math genügend Abnehmer, allerdings liegen deren Flächen inzwischen auch weiter entfernt. „Viele Milchbauern in der Region haben ihre Betriebe erweitert und mehr eigene Gülle. Deshalb nehmen sie von uns weniger ab“, sagt er. Dabei haben „seine“ Gärreste eine einwandfreie Qualität, was regelmäßige Proben und ein RAL-Gütezeichen der Bundesgütegemeinschaft Kompost belegen.

Auf dem Monitor alles im Blick

In den oben offenen Gärproduktbecken hat sich inzwischen eine Schneeschicht gebildet – Winter eben. Das zeigt die moderne Technik auf dem PC-Monitor im Büro zwar nicht an, aber sonst hat der Betriebsleiter online alles im Blick: Füllstand der Behältnisse, Temperatur, Funktion der einzelnen Komponenten. „Wenn nachts oder am Wochenende eine Störung auftritt, bekomme ich eine Nachricht auf mein Smartphone. Dann kann ich mich sofort darum kümmern, entweder direkt vor Ort oder idealerweise über Fernwartung“, erklärt Oliver Math. Gerade im Winter, wenn sich die Alb wieder mal von ihrer rauen Seite zeigt, ist Letzteres natürlich ein großer Vorteil.