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Teilen und Wachsen

Ulrich Feiter ist ein Mann mit Visionen. Er setzt sich mit seinen Ideen für seine Wahlheimat Südafrika ein. Das Bild zeigt ihn an der Lambert’s Bay.
Foto: Catrin Cohnen

Gut 50.000 Menschen leben in Wellington, einem Ort in der Provinz Westkap. Dort sitzt das pharmazeutische Unternehmen Parceval Ltd., ein international arbeitender Auftragshersteller von Heilpflanzenprodukten. In den Straßen von Wellington begegnen einem Menschen, deren Gesichter die immer wieder gleiche Faszination auslösen. Sie lassen sich nicht eindeutig einem bestimmten Land zuordnen. Im Schmelztiegel der Nationen haben sich Afrikaner verschiedener Länder, Inder, Asiaten und Europäer zur sogenannten Regenbogennation vereint.

Was sich in einzelnen Individuen zusammenfügt, bleibt aber im Alltäglichen bis heute meistens getrennt. Die Farbigen und Schwarzen leben überwiegend in ärmlichen Verhältnissen, mit vielen Generationen unter einem Dach. Wer verdient, gibt das Geld an die Großfamilie weiter, denn die staatliche Hilfe für Kranke, Arbeitslose und Rentner reicht nicht aus. Aufstieg ist hier nur mit Anstrengung möglich. Schlechte Ausbildung, Kriminalität und Aids gehören zum täglichen Leben. Wer es sich leisten kann – und das sind die Weißen, die im Straßenbild Wellingtons selten sind, kauft sich in weiße Wohnsiedlungen ein, die sich mit Zäunen und Wachposten vor der Kriminalität schützen wollen. Die Ausgrenzer von früher sperren sich weg.

Noten für Unternehmen

Dass den 9,2 Prozent Weißen im Land der Großteil der Ländereien und Betriebe gehört, soll das Broad Based Black Economic Empowerment (BBBEE) ändern. Die südafrikanische Regierung verabschiedete das Programm 2003 – als Antwort auf Jahrzehnte der Apartheid, in denen die farbige und schwarze Bevölkerung vom wirtschaftlichen Wachstum ausgeschlossen war. Erst 1994 änderte sich die Situation, als erstmals die nichtweiße Bevölkerung an den Regierungswahlen teilnehmen durfte. Sie wählte Nelson Mandela zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes. Auch nach seinem Tod gilt er weiterhin als Symbolfigur des Kampfes gegen die Apartheid.

Das durch die Gesetzgebung und die Aufsichtsbehörden gesteuerte BBBEE-Programm begünstigt Unternehmen, die nichtweiße Mitarbeiter an ihrem Vermögen beteiligen, sie gleichberechtigt behandeln und die sozialen Bedingungen für sie verbessern. Private Agenturen beurteilen, wie viele dieser im BBBEE-Programm geforderten Maßnahmen ein „weißes“ Unternehmen durchgeführt hat, und benoten es. Nur wenn die Note für das Unternehmen gut ausfällt, hat es Chancen, den Zuschlag für einen Auftrag von einer staatlichen Institution zu bekommen. Bei Aktiengesellschaften hat diese Beurteilung direkten Einfluss auf den Börsenwert.

„Kleinen Unternehmen bringen gute Noten beim BBBEE keine so großen Vorteile, weil die geforderten Maßnahmen oft gar nicht umsetzbar sind“, sagt der gelernte Gärtner Ulrich Feiter, Geschäftsführer der Parceval Ltd. Sein 1992 gegründetes Unternehmen gehört mit derzeit 40 festangestellten Mitarbeitern ebenfalls zu den kleineren. Dennoch erreichte es Mitte 2013 die höchste Benotung. Es war jedoch nicht der Wunsch nach Bestnoten, der Ulrich Feiter dazu bewegte, am 1. Juli 2011 Firmenanteile an seine Mitarbeiter zu verkaufen. „Mir ging es vielmehr darum, Brücken zu schlagen, Ideen weiterzutragen und Afrika zu helfen“, sagt der Unternehmer, wenn man ihn nach seinen Ambitionen in seiner Wahlheimat Südafrika und seinen Visionen fragt. Deshalb wollte er eine Stiftung ins Leben rufen, die langjährig Bestand hat und die Parceval-Mitarbeiter zur Selbstverantwortung ruft. Aus seiner zweijährigen Zeit als Werkstudent in der WALA hatte Feiter die Ideen der WALA Stiftung mitgenommen. Ihr gehört die WALA Heilmittel GmbH und auch sie gibt Gewinne an die Mitarbeiter weiter.

Unternehmensgründer Ulrich Feiter (r.) bespricht sich mit Mitarbeiter Koos Antonie.
Foto: Catrin Cohnen

Licht und Schatten – ein passendes Sinnbild für Südafrika. Hier der Blick vom Piekenierskloof-Pass auf die Piketberge.
Foto: Catrin Cohnen

Eine bunte Mischung: Wenn man die Gesichter der Stammhaus-Mitarbeiter betrachtet, wird klar, warum Südafrika „Regenbogennation“ heißt.
Foto: Catrin Cohnen

Unternehmerisch Denken

Bei der Gründung seiner Mitarbeiterstiftung lernte Ulrich Feiter im Vorfeld von den Fehlern jener, die ihre Unternehmen zwar nach dem BBBEE-Programm umstrukturierten und Bestnoten dafür erhielten, dabei aber nicht auf die stabile Arbeitsfähigkeit der Mitarbeiterstiftung achteten. „Viele haben Anteile ihres Unternehmens, zum Beispiel Weinberge, an die schwarzen Mitarbeiter verschenkt“, erzählt Ulrich Feiter. „Die Beschenkten wissen aber oft nicht mit dem umzugehen, was ihnen da überlassen wird, und werden mit der Selbstorganisation alleingelassen. Dann können sie sich untereinander nicht einigen und lassen die Rebstöcke verkommen.“ Diesem Phänomen wollte Ulrich Feiter vorbeugen und entschied sich dafür, 25,1 Prozent seines Unternehmens an den Parceval People Trust (PPT) – so der von seinen Mitarbeitern gewählte Name der Stiftung – nicht zu verschenken, sondern zu verkaufen. Zudem installierte er ein Stiftungsgremium. Es besteht aus ihm und zwei Mitarbeiterinnen; die Belegschaft wählte drei weitere Mitglieder aus ihren eigenen Reihen. Zu sechst verwalten sie die potenziellen Erträge der Stiftung. Alle Mitarbeiter sind aufgefordert, regelmäßig zu Schulungen und Informationsveranstaltungen über die Geschäfte der Parceval Ltd. zu kommen. „Mir geht es darum, dass die Mitarbeiter lernen, selbst Verantwortung zu tragen, unternehmerisch zu denken und tätig zu sein“, sagt Ulrich Feiter.

Zusammenhänge verstehen

Das ist auch Kelvin Antonie wichtig, der auf der Waterkloof-Farm arbeitet, auf der die Parceval Ltd. ihre Heilpflanzen anbaut. Der junge Mann ist stolz darauf, als Mitglied des Stiftungsgremiums an den Geschicken des Unternehmens beteiligt zu sein. Erst war es ungewohnt für ihn, sich alle drei Monate mit den fünf anderen Gremiumsmitgliedern zu einer einstündigen Besprechung zu treffen. Doch den Nutzen hat er schnell erkannt. Seit es die Stiftung gibt, achtet er darauf, noch effektiver zu arbeiten. „Die Zeit, die du im Laufe des Tages verlierst, ist Geld, das du weniger in der Tasche hast“, sagt Kelvin Antonie, der zwischen dem Stiftungsgremium und den Mitarbeitern vermittelt. „Ich finde es wichtig, dass wir Anregungen zur Verbesserung der Prozesse von den betroffenen Arbeitern aufnehmen und umsetzen.“ Die Mitarbeiter müssten aber noch mehr über die Stiftung lernen, damit sie die Zusammenhänge verstehen, sagt er, bevor er sich wieder dem Feld mit Mittagsblumen zuwendet, die Parceval für die WALA Heilmittel GmbH anbaut. Für Kelvin Antonie ist die Stiftung eine Herausforderung, die er gerne annimmt. Denn letztendlich, wenn alles gut geht, werden die Gewinne ihm und seiner Familie im Alter zu Gute kommen und mithelfen, seinen Lebensunterhalt sichern.