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Zwischen Licht und Dunkelheit

Blick nach oben in das farbig gestaltete Südtreppenhaus.
Foto: Stephanie Schweigert

„Schön“ steht über dem zarten Rot. Darüber das Wort „Vernunft“, das weiter in den orangefarbenen Bereich rechts davon hineinragt. Verstand, Sinnlichkeit und Phantasie sind weitere Begriffe, die Goethe in seinem sechsteiligen Farbkreis angeordnet hat. Die Farben hatten es ihm angetan. Über Jahrzehnte hinweg führte er Experimente damit durch, studierte ihre jeweiligen Qualitäten und die unterschiedliche Wirkung, die sie auf den Menschen haben können. Kaum jemand weiß heute, dass Johann Wolfang von Goethe sein 1810 erschienenes Buch „Zur Farbenlehre“ sogar als weit bedeutsamer einschätzte als sein literarisches Schaffen. Worum ging es ihm dabei?

Wahrheit und Empfindung

„Goethe spannt in seiner Farbenlehre einen weiten Bogen – von der Physik bis zur Farbpsychologie“, erklärt uns der Physiker Johannes Kühl, Leiter der Naturwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum im schweizerischen Dornach. „Es war ihm wichtig, dass die Wahrheit der Wissenschaft mit dem in Einklang kommt, was der Mensch empfindet. ‚Dichtung und Wahrheit‘ heißt nicht nur seine Autobiografie. Diese beiden Aspekte stehen auch als grundlegende Motive über Goethes Leben. Er war davon überzeugt, dass unsere fühlende Wahrnehmung der Welt Wahrheit enthält und dass auch der sinnliche Zugang zur Welt eine Brücke zur Erkenntnis ist.“ Als Forscher setzte sich Goethe umfassend mit verschiedensten Aspekten der Farben, mit ihrer Entstehung, Wirkung und Anwendbarkeit auseinander. „Auch heute noch werden Goethes Beobachtungen und Beschreibungen der Wirkung von Farben auf den Menschen sehr geschätzt – die moderne Farbpsychologie knüpft direkt daran an“, erklärt Johannes Kühl. „In der allgemeinen physikalischen Debatte dagegen spielt die Farbenlehre kaum eine Rolle.“

Das Licht als Einheit

Das liegt vor allem an der berühmt-berüchtigten Polemik gegen Isaac Newton (1643 bis 1727), dessen Theorie über die Entstehung der Farben Goethe vehement widersprach. Der englische Naturforscher und Philosoph war durch Brechungsversuche zu dem Ergebnis gekommen, dass sich das weiße Licht aus Spektralfarben zusammensetze – Goethe dagegen betrachtete das Licht immer als Einheit: „Wichtig war ihm, dass die Farbe aus der Dynamik zwischen Licht und Finsternis entsteht und nicht fertig im Licht vorhanden ist, wie es Newton beschrieben hat“, erklärt Johannes Kühl.

Doch diese Sichtweise setzte sich nicht durch. Erst seit einigen Jahren plädieren neuere Untersuchungen dafür, Goethes und Newtons Positionen nicht als Widersprüche, sondern als sich ergänzende, unterschiedliche Perspektiven anzuerkennen. „Mein geschätzter Kollege Matthias Rang konnte beispielsweise im Rahmen seiner Dissertation zeigen, dass wir jedes Experiment mit Licht und Dunkelheit invertieren, also umkehren können“, berichtet Johannes Kühl.1 „Das gilt nicht nur in Bezug auf die Farben, sondern auch auf Beleuchtungs- und Abbildungsverhältnisse. Diese Ergebnisse zeigen ganz deutlich, dass das Prinzip der spektralen Farbentstehung aus Polarität durchgängig ist.“

Augenfällig sind zudem die Parallelen zwischen Goethes Erkenntnistheorie und seiner Farbenlehre. Beide sind Ausdruck einer ganzheitlichen Betrachtung der Welt und ihrer Phänomene. Qualitative Fragen sind dabei ebenso wichtig wie quantitative Aspekte: „Wenn Goethe seine Farbenlehre verteidigte, ging es ihm auch um seine Erkenntnistheorie und sein Menschenbild“, unterstreicht Kühl.

1 Invertieren (lat. invertere = umkehren) bedeutet in diesem Zusammenhang, die Anordnung von Licht und Dunkel oder Weiß und Schwarz zu vertauschen. Wenn bei einem Experiment Farben entstehen, dann führt eine solche Umkehrung zu den Komplementärfarben – etwa Grün statt Rot oder Violett statt Gelb.

Unsere Autorin Laura Krautkrämer (r.) mit Johannes Kühl in der Bibliothek der Naturwissenschaftlichen Sektion.

Seit 1996 ist der Physiker Johannes Kühl Leiter der Naturwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum in Dornach.

Die farbigen Fenster des Goetheanums wurden mit einer speziellen Form der Glasradierung gestaltet.

Glasfenster und Treppenhaus im Westflügel des Goetheanums bieten dem Spiel von Licht und Schatten eine imposante Bühne.

Das Goetheanum in Dornach ist Sitz und Tagungsort der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft.

Das älteste noch erhaltene Gebäude auf dem Goetheanum-Hügel ist das sogenannte Glashaus. In dem 1914 nach Plänen Rudolf Steiners gebauten Atelierhaus wurden die farbigen Fenstergläser für das Goetheanum geschliffen. Heute ist der markante Kuppelbau Sitz der Sektionen für Landwirtschaft und für Naturwissenschaften.
Foto: Stephanie Schweigert

Goethe als Inspiration

Auch für Dr. Rudolf Steiner (1861 bis 1925) war Goethes Farbenlehre von großer Bedeutung. In seiner Autobiografie „Mein Lebensgang“ beschreibt er, dass es Experimente mit Licht und Farbe waren, die ihn zunächst zu Goethe geführt hätten. 1883 bis 1897 beschäftigte sich Rudolf Steiner, der spätere Begründer der Anthroposophie, als Herausgeber und Kommentator intensiv mit Goethes naturwissenschaftlichen Schriften. „Steiner hat seine Erkenntnistheorie an Goethe entwickelt“, erläutert Johannes Kühl. „Entscheidend war ihm dabei Goethes methodisches Vorgehen. Dazu gehört grundsätzlich das Vertrauen in die Sinneswahrnehmung und das Anliegen, die Bedingungen eines Versuchs zu variieren und zu schauen, was sich ändert und ob sich daraus neue Schlüsse ergeben.“

Im Anschluss an Goethe entwickelte Steiner eine eigene Farbenlehre, die er in seinem dreiteiligen Vortragszyklus „Das Wesen der Farben“ im Mai 1921 in Dornach ausführte. Schon zuvor waren beim Bau des ersten Goetheanums farbige Fenster mit einer speziellen Form der Glasradierung gestaltet worden. Auch im – nach dem Brand des ersten Gebäudes errichteten – zweiten Goetheanum wurden farbige Glasfenster verbaut. Als besonders beeindruckend erleben viele Besucher das große rote Fenster im Treppenhaus des Westflügels.

Ein weiterer praktischer Einsatzbereich ist die Farbgestaltung der Klassenzimmer in den Waldorfschulen, wo es klare Empfehlungen für eine lernfördernde Farbumgebung gibt: Die Klassenräume der ersten Klassen werden in dem auch in Waldorfkindergärten anzutreffenden rosa-hautfarbenen „Pfirsichblüt“ gestaltet. In den Klassen danach folgen die verschiedenen Farben des Farbspektrums über Orange, Gelb, Grün und Blau bis hin zu Violett – wobei Steiners Angaben für die Stuttgarter und die Hamburger Waldorfschule leicht variierten. So wie laut Goethe aus Licht und Dunkelheit die Farbe als etwas Neues entsteht, betrachtet die Anthroposophie auch den Menschen als zwischen starken Polaritäten stehend. „Freiheit entsteht ja nicht dadurch, dass mir jemand sagt, was falsch und was richtig ist, sondern dadurch, dass ich selbst in dieser Spannung stehe und folglich bewusst meine Entscheidungen treffe“, so Johannes Kühl. „An dieser Stelle entsteht dann etwas Neues. Insofern kann die Beschäftigung mit der Farbenlehre ein Symbol für grundlegende menschliche Fragen sein, die auch in der Anthroposophie eine zentrale Rolle spielen.“